Berichtslücken schließen: Manipulationen & Greenwashing vermeiden

Nachhaltigkeitsberichte sollen eigentlich Transparenz schaffen und zeigen, wie Unternehmen in ökologischen und sozialen Fragen Verantwortung übernehmen. In der Praxis wird dieses Ziel jedoch oft verfehlt: Statt klarer Fakten finden sich nicht selten geschönte Darstellungen, die eher dem Unternehmensimage dienen als der tatsächlichen Aufklärung. Dieses sogenannte Greenwashing reicht von übertrieben positiven Aussagen über Umweltfreundlichkeit bis hin zu zweifelhaften Klimaversprechen oder CO₂-Kompensationen, deren Nutzen fraglich ist. Auch im sozialen Bereich gibt es mit Bluewashing ähnliche Strategien. Z. B. wenn Unternehmen mit großen Symbolen wie der UN-Agenda werben, ohne wirklich etwas umzusetzen. Ein weiteres Problem liegt in den Kennzahlen selbst, da viele Daten auf Annahmen und Schätzungen beruhen. Dadurch werden Vergleiche erschwert – und es entstehen Möglichkeiten, ESG-Daten bewusst zu beschönigen.

Die TRR 266 Forschung zeigt, in welchen Bereichen Verbesserungsbedarf herrscht und was Regulierer tun können, um Manipulation und Greenwashing zu vermeiden.

Manipulationen, Greenwashing und Rosinenpickerei

In den letzten Jahren stehen Unternehmen unter zunehmendem Druck, zu zeigen, wie sie sich für Umwelt, Gesellschaft und gute Unternehmensführung (ESG) engagieren. Neue verpflichtende Vorschriften wie die Europäischen Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung (ESRS) sollen diese Art der Berichterstattung transparenter und vergleichbarer machen. Quantitative Informationen, also harte und überprüfbare Fakten wie C0²-Emissionen, können dazu beitragen. ESG-Berichte bestehen jedoch auch aus qualitativen, narrativen Informationen. Informationen, die schwer zu überprüfen und interpretationsfähig sind. Das lässt Managern Spielraum, Unternehmensinformationen besser darzustellen als sie tatsächlich sind. Nutzen Unternehmen diese Grauzone zu ihrem Vorteil? Und wie könnten Berichtspflichten dies verbessern?

Das zeigt die TRR 266 Forschung:

Manager präsentieren ESG-Informationen strategisch

Diese Studienergebnisse zeigen, dass Manager weiche Informationen im Rahmen der verpflichtenden Berichterstattung strategisch präsentieren. Dieses Verhalten betrifft auch die ESG-Berichterstattung, da diese nach wie vor auf auch auf unpräzisen, weniger überprüfbaren Informationen basiert. Dies gibt Managern die Möglichkeit, den Ton strategisch einzusetzen, um die Erwartungen von Investoren und Analysten zu beeinflussen. Die Forschenden kommen zu folgenden Ergebnissen: Wenn die Aussichten für die Performance günstig sind, neigen Manager dazu, einen übermäßig positiven Tonfall anzuschlagen. Weniger günstige Aussichten werden oft vorsichtiger kommuniziert, wie beispielsweise in weniger sichtbaren Bereichen oder schwer verständlich berichtet. Selbst verpflichtende Informationen können so dargestellt werden, dass sie die Wahrnehmung der Lesenden gezielt steuern – z. B. durch Platzierung, grafische Darstellung oder Einbettung in einen positiven Kontext.


Bei dieser Entscheidung müssen sie die kurzfristigen Vorteile gegen die Risiken eines zukünftigen potenziellen Imageschadens abwiegen. Kurzfristig kann die Wahrnehmung von Anlegern durch die gezielte Darstellung so positiv beeinflusst werden. Langfristig könnte die Strategie aber dem Unternehmen schaden, wenn sich später herausstellt, dass Informationen übertrieben dargestellt wurde. Außerdem steigt die Wahrscheinlichkeit einer voreingenommenen Berichterstattung, wenn die Vergütung eines Managers stark an die Performancegekoppelt und die interne Kontrolle schwach ist.

Um extreme Verzerrungen in der Berichterstattung zu vermeiden, müssen Unternehmen und Aufsichtsbehörden ein Gleichgewicht zwischen Anreizen und internen Kontrollen finden. Ohne starke interne Kontrollen können dieselben Anreize zu übermäßig verzerrten und weniger vertrauenswürdigen Berichten führen.

Zur Publikation:

Kontakt zu den Forschenden:

Anna Rohlfing-Bastian
Goethe University Frankfurt
Local Spokesperson Goethe University A02 A04 Write email Website aufrufen

Offenlegung der Steuerstrategie verleitet zum Greenwashing

Steuern werden zunehmend als Teil der sozialen Verantwortung von Unternehmen angesehen. Weltweit verlangen nationale und internationale Vorschriften, dass multinationale Unternehmen mehr Informationen über ihre Steuerangelegenheiten offenlegen, um ihre Handlungen transparenter zu gestalten und die Einhaltung der Steuergesetze zu gewährleisten.


Eine neue Studie untersucht die Auswirkungen des britischen Tax Strategy Mandate von 2016, einer qualitativen Vorschrift, die große Unternehmen zur Offenlegung ihrer Steuerstrategien verpflichtet. Die Vorschrift zielt darauf ab, Transparenz zu erhöhen und Steuervermeidung zu reduzieren.

Die Ergebnisse zeigen, dass Unternehmen zwar den Umfang der Offenlegungen ihrer Steuerstrategien in ihren Jahres- und Einzelberichten erweiterten, der Inhalt jedoch weitgehend standardisiert und repetitiv wurde. Bemerkenswert ist, dass die Richtlinie keine messbaren Auswirkungen auf die tatsächliche Steuerplanung oder -vermeidung hatte. Die effektiven Steuersätze und die Nutzung von Steueroasen blieben unverändert. Die Forschenden kommen daher zu dem Schluss, dass die Richtlinie Unternehmen dazu ermutigt hat, sich als verantwortungsbewusste Steuerzahler darzustellen, ohne ihre tatsächlichen Praktiken zu ändern. Mit anderen Worten: Die Offenlegungspflicht könnte zu einer Form von Greenwashing geführt haben, bei der gutes Verhalten eher durch Worte als durch Taten signalisiert wird.

Diese Ergebnisse werfen kritische Fragen zur Wirksamkeit qualitativer Offenlegungspflichten auf. Im Gegensatz zu quantitativen Informationen sind qualitative Angaben für Außenstehende schwer zu überprüfen. Dadurch ist der öffentliche Druck weniger wirksam, um das Verhalten von Unternehmen zu ändern. In der Praxis reagieren Unternehmen darauf mit ausführlicheren Erläuterungen, um sich vor Kritik zu schützen, was jedoch häufig die Gesamtqualität ihrer Berichterstattung mindert, selbst in wichtigen Dokumenten wie Jahresberichten. Da die britischen Steuerstrategieberichte anderen Arten qualitativer CSR-Offenlegungen, die immer häufiger werden, sehr ähnlich sind, sind die Ergebnisse besonders relevant für politische Entscheidungsträger, die darüber entscheiden, ob sie sich auf qualitative Offenlegungspflichten stützen sollen. Ohne strengere Überprüfungsmechanismen besteht die Gefahr, dass solche Maßnahmen eher zu PR-Rhetorik als zu sinnvollen Unternehmensveränderungen führen.

Zur Publikation:

Kontakt zu den Forschenden:

Elisa Casi-Eberhard
Norwegian School of Economics
Research Fellow B07 Write email

Carol Seregni
Wharton School of the University of Pennsylvania
Research Fellow A08 Write email

Barbara Stage
WHU
Research Fellow B07 Write email

Berichtslücken schließen: Wie die unternehmerische CO₂-Bilanzierung entscheidungsrelevanter werden kann

Dass 2024 das bislang heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen war, unterstreicht, wie dringend wirksame Systeme zur CO₂-Bilanzierung benötigt werden. Im globalen Kampf gegen den Klimawandel ist die unternehmerische CO₂-Bilanzierung inzwischen zu einem zentralen Bestandteil von Klimapolitik und Corporate Governance geworden. Viele Unternehmen veröffentlichen heute ihre Treibhausgasemissionen und formulieren Netto-Null-Ziele, häufig als Reaktion auf regulatorische Vorgaben oder Erwartungen von Investoren. Gleichzeitig wächst jedoch die Kritik, dass die bestehenden Berichterstattungspraktiken nicht immer transparente, vergleichbare und für Entscheidungen wirklich brauchbare Informationen liefern. Die Forschung des TRR 266 zeigt, dass die derzeitigen Rahmenwerke hierfür weiterentwickelt werden müssen und dass insbesondere die Rechnungslegungsforschung einen wichtigen Beitrag leisten kann.

Wie belastbar sind ESG-Kennzahlen?

Viele ESG-Kennzahlen sind mit erheblichen Ungenauigkeiten behaftet. Insbesondere Angaben zu Scope-3-Emissionen oder zur Biodiversität beruhen häufig auf Schätzungen und Annahmen, etwa über das Nutzungsverhalten von Kunden oder ökologische Wirkungen entlang der Wertschöpfungskette. Solche ungenauen Angaben eröffnen Unternehmen große Ermessensspielräume. Und wirken sich zudem kettenartig aus: Verzerrte Daten eines Unternehmens fließen unmittelbar in die Kennzahlen anderer Firmen ein, etwa bei Banken, die ihre finanzierten Emissionen ausweisen müssen. Die Folge: ESG-Zahlen sind schwer zu vergleichen und verlieren an Aussagekraft.

Grenzen der Transparenz

Zudem stößt die Idee von Transparenz dort an Grenzen, wo selbst strikte Verbote kaum durchgesetzt werden können. Wenn Unternehmen etwa Kinderarbeit in Lieferketten umgehen können, erscheint es noch unrealistischer, dass sie freiwillig detailliert über problematische Praktiken berichten. Wo Berichterstattung unmittelbare Folgen für Finanzierung, Ratings oder Kundenzusagen hat, greifen dieselben Anreize wie in der Finanzwelt: legale, aber systematische Verzerrungen innerhalb der erlaubten Regeln. Damit droht die Nachhaltigkeitsberichterstattung eher zu einem Instrument der Außendarstellung zu werden, statt einen echten Beitrag zur Transformation zu leisten.

Kontrollmechanismen

Hinzu kommt, dass die Kontrollmechanismen im Bereich der Nachhaltigkeitsberichterstattung noch längst nicht so stark ausgeprägt sind wie in der Finanzberichterstattung. Weder die öffentliche Durchsetzung noch unabhängige Prüfungen sind bisher in gleichem Maße etabliert. Externe Prüfer können meist nur eine „begrenzte Sicherheit“ der Berichte bestätigen. Hier kommt auch die Ausbildung von Wirtschaftsprüfern ins Spiel. Fachkenntnisse zur ESG-Prüfung sollten bereits im BWL-Studium vermittelt werden und können nicht allein den großen Prüfungsfirmen überlassen werden.

Weitere Informationen in diesem Artikel:

Kontakt zu den Forschenden:

Jannis Bischof
University of Mannheim
Principal Investigator A09 A11 C01 Write email Website aufrufen

Grenzen der aktuellen Berichterstattung nach dem GHG Protocol

Das GHG Protocol, der weltweit am häufigsten genutzte Standard zur Berichterstattung über unternehmerische Treibhausgasemissionen, unterscheidet drei Emissionskategorien:
Scope 1: direkte Emissionen aus eigenen betrieblichen Aktivitäten
Scope 2: indirekte Emissionen aus zugekaufter Energie
Scope 3: indirekte Emissionen entlang der Lieferkette

Allerdings zeigt diese TRR 266 Studie, dass es den Analysten, durch die heute berichteten Emissionszahlen, oft erschwert wird, den tatsächlichen Fortschritt der Unternehmen bei der Dekarbonisierung zu bewerten oder die Leistung zwischen den verschiedener Unternehmen und im Zeitverlauf zu vergleichen. Diese können zudem die Anreize für reale Emissionsreduktionen mindern, da Unternehmen nicht von Verbesserungen profitieren können, wenn die berichteten Zahlen auf branchenweiten Durchschnittswerten statt auf unternehmensspezifischen Daten basieren.

Neuere Forschung macht deutlich, dass viele dieser Einschränkungen auf die grundsätzliche Ausgestaltung und Umsetzung der CO₂-Bilanzierungssysteme zurückzuführen sind. Heutzutage ist es gängige Praxis, dass Unternehmen Beratungsfirmen beauftragen, ihre Emissionen auf der Grundlage von Sekundärdaten zu schätzen. Da diese Schätzungen nicht auf den unternehmenseigenen Transaktionsdaten basieren, sind sie oft weniger genau, schwer zu überprüfen und für interne Entscheidungsprozesse nur begrenzt nutzbar. Transaktionsbasierte, interne CO2-Bilanzierungssysteme stützen sich hingegen auf die tatsächlichen operativen Daten der Unternehmen. Dieser Ansatz kann in der Praxis tatsächlich Anreize zur Emissionsreduzierung stärken, anstatt lediglich den Eindruck einer besseren CO2-Berichterstattung zu erwecken.

 

 

Zu den Publikationen:

Rechnungslegungsbasierte Ansätze zur CO₂-Messung

Die Forschenden des TRR 266 schlagen vor, grundlegende Prinzipien der Finanzbuchhaltung auf die unternehmerische CO₂-Bilanzierung zu übertragen. Zentrales Element ist dabei eine Rechnungslegungsarchitektur, die klar zwischen Emissionen der laufenden Periode (Ströme) und in Vermögenswerten wie Vorräten oder Anlagen gebundenen Emissionen (Bestände) unterscheidet. Diese Struktur ermöglicht es Unternehmen, ihre Emissionen über die Zeit hinweg mithilfe standardisierter CO₂-Abschlüsse nachzuvollziehen, vergleichbar mit Gewinn- und Verlustrechnungen sowie Bilanzen. So lassen sich zeitliche Konsistenz und interne Stimmigkeit sicherstellen. Durch die gemeinsame Betrachtung von Strömen und Beständen können Unternehmen Veränderungen in ihren gemeldeten Emissionswerten nachvollziehbar erklären, produktbezogene CO₂-Fußabdrücke mit unternehmensweiten Gesamtemissionen verknüpfen und langfristige Dekarbonisierungsstrategien transparenter und glaubwürdiger darstellen.

Wie Produkt-CO₂-Fußabdrücke die Emissionsmessung entlang von Lieferketten verbessern können

Produkt-CO₂-Fußabdrücke sind ein zentraler Baustein für präzisere Messsysteme entlang kompletter Lieferketten. Die Forschung hebt sequenzielle, lieferkettenbasierte Ansätze hervor, bei denen jeder Zulieferer geprüfte Emissionsinformationen zusammen mit seinen Produkten weitergibt. Bei konsequenter Anwendung vermeidet dieses Verfahren Doppelzählungen und ersetzt branchenweite Durchschnittswerte durch unternehmensspezifische Daten. Über die externe Berichterstattung hinaus entstehen durch solche Methoden, auch managementrelevante Indikatoren, die operative Entscheidungen und Investitionsplanungen gezielt unterstützen.

Bedeutung für Regulierung und Entscheider aus Unternehmen

Diese Fragestellungen gewinnen zusätzlich an Bedeutung, da derzeit weit verbreitete Standards überarbeitet werden und sich weiterentwickeln, während parallel neue verpflichtende Offenlegungsvorgaben eingeführt werden. Für Regulierungsbehörden und Standardsetzer ist dabei wichtig, dass die vorgeschlagenen rechnungslegungsbasierten Ansätze nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung bestehender Berichtssysteme gedacht sind. Sie lassen sich mit aktuellen Standards und regulatorischen Initiativen, etwa der EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD), vereinbaren und bieten zugleich Spielraum für politische Entscheidungen, etwa zu Systemgrenzen, Zuordnungsregeln oder dem Umgang mit Emissionszertifikaten. Da sich die aktuellen Standards weiterhin im Wandel befinden, liefert diese Forschung einen besonders wertvollen, konstruktiven Beitrag. Sie bietet konkrete Ansatzpunkte, um Rechnungslegungsvorschriften so weiterzuentwickeln, dass Emissionsdaten konsistenter, besser prüfbar und sowohl für die Regulierung als auch für unternehmerische Entscheidungen deutlich nützlicher werden.

TRR 266 Forscher Gunther Glenk über die Verbesserung von Corporate Carbon Accounting (in Englisch):


Kontakt zu den Forschenden:

Gunther Glenk
University of Mannheim
Postdoc A04 Write email

Weitere Forschungsergebnisse zur Nachhaltigkeitsberichterstattung

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