Können Vorschriften zur Verrechnungspreisdokumentation Gewinnverlagerungen eindämmen? Neue Erkenntnisse aus Frankreich
Vorschriften zur Verrechnungspreisdokumentation sind ein zentrales Element der internationalen Architektur zur Bekämpfung von Gewinnverlagerungen. Sie sollen die strategische Preisgestaltung bei unternehmensinternen Transaktionen einschränken und dadurch die Verlagerung steuerpflichtiger Gewinne in Niedrigsteuerländer verhindern. Trotz ihrer weiten Verbreitung ist bislang vergleichsweise wenig über ihre Wirksamkeit und ihre Auswirkungen auf tatsächliche wirtschaftliche Aktivitäten bekannt. Eine Studie der TRR 266-Forschenden Katharina Schmidt, Johannes Voget und Sophia Wickel gemeinsam mit Sabine Laudage Teles, Nadine Riedel und Kristina Strohmaier, die im Journal of Public Economics veröffentlicht wurde, zielt darauf ab, diese Forschungslücke zu schließen. Die Ergebnisse legen nahe, dass steuerliche Transparenzvorgaben häufig mit Kosten verbunden sind – selbst für das Land, das sie einführt.
Im Jahr 2010 wurden in Frankreich Vorschriften zur Verrechnungspreisdokumentation eingeführt. Große multinationale Unternehmen (Unternehmensgruppen, bei denen mindestens eine Konzerngesellschaft einen Umsatz oder Vermögenswerte von mehr als 400 Millionen Euro aufweist) waren fortan gesetzlich verpflichtet, sämtliche unternehmensinternen Verrechnungspreise zu dokumentieren. Auf Anfrage mussten sie nachweisen, dass diese dem Fremdvergleichsgrundsatz („arm’s length principle“) entsprechen. Das bedeutet, dass die Preise so festgelegt werden müssen, wie sie auch zwischen zwei voneinander unabhängigen Unternehmen vereinbart würden.
Die Reform hat die Art und Weise, wie die Verrechnungspreisvorschriften durchgesetzt wurden, grundlegend verändert. Vor 2010 verfügte Frankreich zwar bereits über allgemeine Verrechnungspreisvorschriften, deren Durchsetzung erfolgte jedoch überwiegend reaktiv. Mit dem neuen Gesetz kehrte sich die Beweislast um: Unternehmen mussten ihre Regelkonformität nun proaktiv nachweisen.
Um die Auswirkungen der Reform auf das Verhalten der Unternehmen zu messen, vergleichen wir zwei Gruppen: große multinationale Unternehmen, die die neuen Dokumentationspflichten erfüllen mussten und kleinere multinationale Unternehmen unterhalb der Schwelle von 400 Millionen Euro, die von dieser Verpflichtung ausgenommen waren. Mithilfe von französischen Administrativdaten und der globalen Unternehmensdatenbank Orbis zeigen wir die Entwicklung beider Gruppen im Zeitraum von 2007 bis 2015 und isolieren so den Effekt der Reform.
Weniger Steuervermeidung, aber auch weniger Investitionen
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass es sich um einen echten politischen Zielkonflikt handelt und nicht um eine einfache Erfolgsgeschichte. Hinsichtlich der Steuervermeidung war die Reform erfolgreich. Nach 2010 wiesen die betroffenen Unternehmen deutlich seltener eine nahezu auf null reduzierte Körperschaftsteuerlast in Frankreich aus. Unseren Schätzungen zufolge hat die Reform die Häufigkeit dieses Verhaltens um rund 5,6 % verringert, was zu zusätzlichen jährlichen Steuereinnahmen in Höhe von etwa 187 Millionen Euro aus den betroffenen Unternehmen geführt hat. Mit anderen Worten: Die Pflicht zur Verrechnungspreisdokumentation scheint Gewinnverlagerungen aus Frankreich für multinationale Unternehmen erheblich erschwert – oder zumindest deutlich kostspieliger – gemacht zu haben.
In Bezug auf Investitionen wird die Sache komplizierter. Nach der Reform investierten genau jene Unternehmen, die mehr Steuern zahlten, auch weniger. Ihr Anlagevermögen (physisches Kapital wie Maschinen, Ausrüstung und Immobilien) ging im Vergleich zur Kontrollgruppe um rund 3 % zurück. Dieses Muster lässt sich durch das Zusammenwirken zweier Faktoren erklären: höhere effektive Steuerkosten (da die Gewinnverlagerung nun eingeschränkt war) und der Verwaltungsaufwand für die Erstellung und Pflege der Dokumentation für jede unternehmensinterne Transaktion.
Das Ergebnis legt nahe, dass strengere Transparenzvorgaben zwar zur Sicherung des Steueraufkommens beitragen, zugleich jedoch negative Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft der einführenden Länder haben können.
Grenzüberschreitende Effekte: Auswirkungen außerhalb Frankreichs
Die Auswirkungen der Reform machten nicht an den Grenzen Frankreichs Halt. Da multinationale Unternehmen ihre Aktivitäten über Ländergrenzen hinaus organisieren, können strengere Anforderungen an die Verrechnungspreisdokumentation auch ihre ausländischen Tochtergesellschaften betreffen. Anhand von Beteiligungsdaten untersuchen wir die ausländischen Tochtergesellschaften französischer multinationaler Unternehmen, die den neuen Vorschriften unterliegen. Die Ergebnisse deuten auf einen Spillover-Effekt hin: Die Investitionen von Tochtergesellschaften in Niedrigsteuerländern – also solchen mit Körperschaftsteuersätzen von höchstens 12,5 % – gingen nach der Reform deutlich zurück. Dies deutet darauf hin, dass ein Teil der realwirtschaftlichen Aktivitäten, die die Gewinnverlagerung ermöglicht hatten, nach der Reform zurückgefahren wurde. Demgegenüber blieben die Investitionen in ausländischen Tochtergesellschaften in Ländern mit höheren Unternehmenssteuersätzen weitgehend unverändert.
Was dies für politische Entscheidungsträger, Unternehmen und die internationale Steuerdebatte bedeutet
Diese Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse für aktuelle politische Diskussionen über die Ausgestaltung des internationalen Unternehmenssteuersystems. Regierungen weltweit haben sowohl eigenständig als auch im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die grenzüberschreitende Steuervermeidung einzudämmen. Verrechnungspreisvorschriften stehen dabei im Zentrum dieser Bemühungen, da die strategische Preisgestaltung bei unternehmensinternen Transaktionen weithin als ein wesentlicher Kanal der Gewinnverlagerung gilt. Dennoch gibt es bislang nur wenige Belege dafür, wie gut diese Vorschriften in der Praxis funktionieren und welche wirtschaftlichen Kosten sie verursachen.
Die vorliegende Studie liefert eine aktuelle empirische Grundlage für mehrere laufende Debatten:
Für Regierungen bestätigt die Studie, dass Dokumentationspflichten zwar zu höheren Steuereinnahmen führen können, gleichzeitig jedoch lokale Investitionen verringern können. Daher kommt der konkreten Ausgestaltung dieser Vorschriften – etwa hinsichtlich Schwellenwerten, Befolgungskosten und der Intensität ihrer Durchsetzung – eine entscheidende Bedeutung zu.
Für multinationale Unternehmen zeigt die Untersuchung, dass strengere Dokumentationsvorschriften sowohl mit höheren administrativen Kosten als auch mit einer steigenden effektiven Steuerbelastung verbunden sind. Dies betrifft insbesondere Unternehmen mit Konzernstrukturen, die in erheblichem Umfang Tochtergesellschaften oder Aktivitäten in Niedrigsteuerländern umfassen.
Für Ökonominnen und Ökonomen sowie Forschende liefert die Studie kausale Schätzungen dazu, wie sich Verrechnungspreisdokumentationspflichten – im Unterschied zu allgemeinen Verrechnungspreisregelungen – sowohl auf das Steuerverhalten von Unternehmen als auch auf reale wirtschaftliche Aktivitäten auswirken. Darüber hinaus verfolgt die Studie die Auswirkungen dieser Spillover-Effekte auf ausländische Tochtergesellschaften.
Fazit: Das Gesamtbild verstehen
Die Erfahrungen in Frankreich liefern wichtige Erkenntnisse für die Debatte zur internationalen Steuerdurchsetzung. Die Ergebnisse zeigen, dass Verrechnungspreisdokumentationspflichten aggressive Formen der Gewinnverlagerung eindämmen und die Steuereinnahmen erhöhen können. Zugleich machen sie deutlich, dass diese Erfolge mit Kosten verbunden sind: geringeren Investitionen im Inland und einem Rückgang wirtschaftlicher Aktivitäten bei ausländischen Tochtergesellschaften in Niedrigsteuerländern. Ob die mit der Reform erzielten Vorteile die damit verbunden Kosten aufwiegen, hängt von verschiedenen Faktoren ab – darunter das Ausmaß der vorherigen Gewinnverlagerung, die konkrete Ausgestaltung der Regelungen sowie die Gewichtung von fiskalischen und investitionspolitischen Zielen durch die politischen Entscheidungsträger.
Da immer mehr Länder vergleichbare Maßnahmen einführen oder bestehende Vorschriften verschärfen, werden empirische Erkenntnisse dieser Art zunehmend unverzichtbar. Sie ermöglichen es, nicht nur die Wirksamkeit von Transparenzvorschriften zu beurteilen, sondern auch zu verstehen, welche Kosten mit ihnen verbunden sind und wer diese Kosten letztlich trägt.
Den Blog zitieren:
Schmidt, K., Voget, J., Wickel, S. (2026). Können Vorschriften zur Verrechnungspreisdokumentation Gewinnverlagerungen eindämmen? Neue Erkenntnisse aus Frankreich. TRR 266 Accounting for Transparency Blog. https://www.accounting-for-transparency.de/de/koennen-vorschriften-zur-verrechnungspreisdokumentation-gewinnverlagerungen-eindaemmen-neue-erkenntnisse-aus-frankreich/
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