Nachhaltigkeitsberichte: Was zehn Jahre Unternehmensdaten (nicht) zeigen

Eine neue Studie zeigt: Firmen legen zunehmend ihre Klimabilanz offen – allerdings decken die Zahlen die Wertschöpfungsketten und soziale Faktoren oft nur lückenhaft ab.

Forschende des TRR 266 Accounting for Transparency an der LMU München und der Universität zu Köln haben mit einem KI-gestützten Verfahren 2,9 Millionen Nachhaltigkeitskennzahlen aus zehn Jahren Unternehmensberichten analysiert. Das Ergebnis: Firmen legen zunehmend offen, wie es um ihre Klimabilanz steht — bei Emissionen entlang der Wertschöpfungskette und bei sozialen Kennzahlen zeigt sich dagegen ein deutlich gemischteres Bild.

Das Forschungsteam hat im Zuge der kürzlich im Fachmagazin Nature Communications veröffentlichten Studie Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte der 600 größten börsennotierten Unternehmen Europas ausgewertet – insgesamt rund 9.000 PDF-Dokumente, 1,7 Millionen Seiten, aus den Jahren 2014 bis 2023. Der Untersuchungszeitraum liegt noch vor Inkrafttreten der neuen EU-Berichtspflicht CSRD; die Berichte entstanden überwiegend unter deren Vorgängerregelung. Die Forschenden legten die deutlich detaillierteren Angabepflichten der neuen CSRD-Regelung rückwirkend als Analyseraster an, um zu zeigen, wie transparent Unternehmen bereits vor der verschärften Berichtspflicht über Umwelt- und Sozialbelange sowie Fragen der Unternehmensführung (Corporate Governance) berichteten.

Um den immensen Datenmengen Herr zu werden, nutzte das Team ein großes Sprachmodell (Llama-3.1-70B-Instruct), das die Berichte automatisiert nach 501 Umwelt-, Sozial- und Governance-Kennzahlen durchsuchte. „Bislang mussten sich Forschende und Aufsichtsbehörden auf wenige, oft teure kommerzielle Datensätze verlassen, die zudem uneinheitliche Definitionen verwenden“, sagt Thorsten Sellhorn, Professor für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung an der LMU. „Unser Ansatz macht es erstmals möglich, systematisch und kostenfrei zu verfolgen, was Unternehmen tatsächlich berichten — und wo nach heutigen Standards Transparenzlücken sichtbar werden.“

Transparenzlücke schließt sich, Fortschritte bleiben ungleich verteilt

Im untersuchten Zeitraum machten die Unternehmen zunehmend mehr Daten öffentlich zugänglich. Die Auswertung der Forschenden ergibt einen Anstieg der offengelegten Kennzahlen um durchschnittlich 52,4 Prozent zwischen 2014 und 2023. Dabei holten die nachhaltigkeitsschwachen Unternehmen – also jene mit besonders niedrigen ESG-Ratings – in diesem Zeitraum deutlich auf: Während sie im Jahr 2014 noch 39,4 Prozent weniger Kennzahlen offenlegten als die nachhaltigkeitsstarken Unternehmen, betrug dieser Abstand 2023 nur noch 6,8 Prozent. Nachhaltigkeitsleistung und Transparenz über Nachhaltigkeitsthemen nähern sich also einander an.

„Unser Ansatz macht es erstmals möglich, systematisch und kostenfrei zu verfolgen, was Unternehmen tatsächlich berichten — und wo nach heutigen Standards Transparenzlücken sichtbar werden.“ – Thorsten Sellhorn

Bei den tatsächlichen Werten fällt die Bilanz gemischter aus: Direkte Emissionen sanken zwar deutlich, die ausgewiesenen indirekten Emissionen aus der Wertschöpfungskette wuchsen jedoch um mehr als das Fünffache. „Das liegt vor allem daran, dass viele Unternehmen inzwischen mehr Emissionskategorien überhaupt erst erfassen — nicht unbedingt daran, dass die tatsächlichen Emissionen gestiegen sind“, erklärt Mitautor Victor Wagner, der kürzlich seine Promotion an der LMU abgeschlossen hat und künftig eine Assistenzprofessur für Accounting an der Stockholm School of Economics angetreten hat. „Größere Transparenz über Emissionen kann auf den ersten Blick wie ein Anstieg von Emissionen aussehen, obwohl sich in der Sache nichts verschlechtert hat. Wenn heute 500 statt früher nur 100 Unternehmen Emissionsdaten veröffentlichen, scheinen die Gesamtemissionen zu steigen – auch wenn der durchschnittliche CO2-Ausstoß je Unternehmen in Wirklichkeit sinkt.“ Wer also Fortschritte bei der Nachhaltigkeit bewerten wolle, müsse Berichterstattung und tatsächliche Leistung sauber auseinanderhalten.

Bei sozialen Kennzahlen zeigt sich in der Auswertung ein uneinheitliches Bild. So ist einerseits der Frauenanteil im Topmanagement um 9,2 Prozentpunkte gestiegen, während zeitgleich die Lohnschere zwischen Top-Gehältern und Median-Gehältern der Belegschaft seit 2014 um mehr als das Zwölffache auseinanderging. „Unternehmen haben bei einzelnen Themen deutliche Fortschritte erzielt“, sagt Sellhorn. Gleichzeitig bleiben andere Herausforderungen bestehen oder haben sich sogar verschärft. „Nachhaltigkeit entwickelt sich also nicht in allen sozialen Dimensionen gleichermaßen.“

Offener Zugang für Politik, Investoren und Zivilgesellschaft

Das Team stellt seinen Datensatz und Code offen zur Verfügung. „Nachhaltigkeitsdaten waren bislang oft in langen Berichten verborgen oder kostenpflichtig über kommerzielle Anbieter zugänglich“, sagt Kerstin Forster, Erstautorin der Studie. „Mit unserem Open-Source-Ansatz können Aufsichtsbehörden, Investorinnen und Investoren sowie NGOs Unternehmen künftig systematisch vergleichen und zur Rechenschaft ziehen.“

K. Forster, L. Keil, V. Wagner, M. A. Müller, T. Sellhorn & S. Feuerriegel: Assessing corporate sustainability with large language models: evidence from Europe. Nature Communications 17, 5940 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-75160-z

Die Studie wurde unter anderem durch den DFG-geförderten Sonderforschungsbereich/Transregio TRR 266 „Accounting for Transparency“ sowie den LMU-Nachhaltigkeitsfonds finanziell unterstützt. Sie entstand im Rahmen der Open Science-Initiative Sustainability Reporting Navigator der LMU, der Universität zu Köln sowie der Goethe-Universität Frankfurt.

Der Originalartikel ist im Newsroom der LMU München zu finden: https://www.lmu.de/de/newsroom/newsuebersicht/news/nachhaltigkeitsberichte-was-zehn-jahre-unternehmensdaten-nicht-zeigen-6efc8362.html

Beteiligte Institutionen

Die Hauptstandorte vom TRR 266 sind die Universität Paderborn (Sprecherhochschule), die HU Berlin und die Universität Mannheim. Alle drei Standorte sind seit vielen Jahren Zentren für Rechnungswesen- und Steuerforschung. Hinzu kommen Wissenschaftler der LMU München, der Frankfurt School of Finance and Management, der Goethe-Universität Frankfurt, der Universität zu Köln, der Leibniz Universität Hannover und der TU Darmstadt, die die gleiche Forschungsagenda verfolgen.

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