Steuerkomplexität: Wie lässt sie sich messen und welche Folgen hat sie?
Abstract
Die Sorge über die steigende Komplexität der Besteuerung von Unternehmen hat sich in den letzten Jahren erheblich verstärkt (Hoppe et al. 2023; Gerdes et al. 2025). Aufgrund der steuerlichen Komplexität besteht das Risiko, dass steuerliche Vorschriften entweder gar nicht oder nur unzureichend verstanden werden (Blaufus et al. 2022; Heinemann-Heile et al. 2022). Dies kann Verunsicherung, Frustration und Fehleinschätzungen auslösen oder auch unbeabsichtigte Gesetzeslücken und Inkonsistenzen begünstigen, die in der Praxis schließlich anders ausgelegt oder verwendet werden, als vom Gesetzgeber beabsichtigt. Während einige Unternehmen besser mit steuerlicher Komplexität umgehen können, werden andere dadurch stärker belastet. Steuerliche Komplexität entsteht beispielsweise durch unklare Rechtsbegriffe, die im Zuge von Steuerreformen eingeführt werden, oder durch neue Geschäftsmodelle, die durch steuergesetzliche Vorgaben nicht abgedeckt sind und deren Besteuerung daher nicht klar geregelt ist. Dies führt zu Unsicherheiten bei der Erstellung von Steuererklärungen und während Betriebsprüfungen. Steuerliche Komplexität entsteht auch durch internationale Kompromisse und fortlaufende Anpassung steuerlicher Regelungen im Rahmen von Steuerreformen sowie durch Versuche, die Befolgung von Steuergesetzen sicherzustellen. Wenn Steuern komplex und unsicher sind, kann dies die eigentlichen Ziele von Steuerreformen untergraben und zudem das Vertrauen in den Staat beeinträchtigen (SurethSloane 2021; Heinemann-Heile et al. 2022; Fochmann et al. 2023). Bevor die Auswirkungen steuerlicher Komplexität analysiert werden können, muss diese zunächst sinnvoll erfasst und messbar gemacht werden. Forschung über die Messung und Folgen steuerlicher Komplexität im Bereich der Unternehmensbesteuerung fehlte weitgehend oder beschränkte sich auf leicht quantifizierbare Dimensionen, wie die Anzahl der Seiten oder die Lesbarkeit von Gesetzestexten. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Messung steuerlicher Komplexität äußerst herausfordernd ist, insbesondere im länderübergreifenden Kontext, in dem unterschiedliche Sprachen, Rechtskulturen und Rahmenbedingungen die Vergleichbarkeit und Erfassung erschweren. In einem ersten Schritt war damit eine umfassende Bewertung der steuerlichen Komplexität erforderlich, um in einem zweiten Schritt wichtige Fragestellungen, beispielsweise zur Wirkung von Komplexität auf ein Land als Investitionsstandort, zu beantworten. Bisherige Studien liefern hierzu bislang uneinheitliche Befunde.