Messung politischer Risiken und ihrer Auswirkungen auf Unternehmen

Laurence van Lent hat zusammen mit drei Kollegen Telefonkonferenzen in Unternehmen analysiert, in denen Unternehmen ihre Finanzergebnisse mit Finanzexperten diskutieren, um zu messen, wie viel Zeit Führungskräfte damit verbracht haben, über politische Risiken zu sprechen und wie diese mit zukünftigen Handlungen des Unternehmens korrelieren. Sie stellten fest, dass Unternehmen, die einen größeren Teil ihrer Telefongespräche damit verbringen über politische Risiken zu diskutieren, mit größerer Wahrscheinlichkeit Maßnahmen zur Bewältigung dieser Risiken ergreifen, wie z.B. Investitionen und Neueinstellungen zu reduzieren oder mehr zu spenden und mehr Lobbyarbeit zu betreiben, um diesen Risiken zu begegnen – wie Van Lent im Folgenden erklärt.

 

Vom Votum Großbritanniens, die Europäische Union zu verlassen, bis hin zu den Drohungen des US-Kongresses, die Bundesverwaltung stillzulegen –  die jüngsten Ereignisse haben die Besorgnis über die Auswirkungen der vom politischen System ausgehenden Risiken auf Investitionen, Beschäftigung und andere Aspekte des Verhaltens von Unternehmen verstärkt. Das Ausmaß solcher Effekte und die Frage, welche Aspekte der politischen Entscheidungsfindung am problematischsten für Unternehmen sein könnten, sind das Thema intensiver Debatten unter Ökonom*innen, Wirtschaftsführer*innen und Politiker*innen. Die Quantifizierung der Auswirkungen politischer Risiken hat sich jedoch oft, infolge eines Datenmangels auf Unternehmensebene über das Ausmaß des politischen Risikos sowie aufgrund des Mangels an Daten über die Art von politischen Themen, um die sich Unternehmen am meisten sorgen könnten, als schwierig erwiesen. Wir stellen einen neuartigen Ansatz zur Messung des politischen Risikos von Unternehmen vor.

 

Analyse von Ertragsgesprächen

In unserer neuen Publikation verwenden wir die textuelle Analyse von Telefonkonferenzprotokollen zu Quartalsergebnissen, um das Ausmaß und die Art des politischen Risikos für einzelne börsennotierte Unternehmen aus den USA auf Unternehmensebene zu ermitteln. Die überwiegende Mehrheit der Unternehmen, die an der US-Börse gelistet sind, führen regelmäßig Konferenzgespräche mit ihren Analysten und anderen Interessengruppen – ein Forum, in dem das Management seine Sicht zur vergangenen und zukünftigen Entwicklung des Unternehmens vorstellt und Fragen von Konferenzteilnehmer*innen über zukünftige Herausforderungen des Unternehmens beantwortet. Unser Ansatz zur Quantifizierung des Ausmaßes des politischen Risikos, mit dem ein bestimmtes Unternehmen zu einem bestimmten Zeitpunkt konfrontiert ist, besteht einfach darin, den Anteil des Gesprächs zwischen den Teilnehmer*innen und der Unternehmensleitung zu messen, der sich auf Risiken im Zusammenhang mit der Politik im Allgemeinen und mit spezifischen politischen Themen konzentriert.

 

Überprüfung unserer Messung

Unsere Recherche zeigt, dass unsere neuen Messinstrumenten tatsächlich politische Risiken erfassen können. So steigt beispielsweise der Mittelwert für das politische Gesamtrisiko um Parlamentswahlen herum deutlich an.  Darüber hinaus zeigen wir, dass unsere Messung mit Ergebnissen auf Unternehmensebene – wie Volatilität, Investitionen, Beschäftigung, politische Spenden und Lobbying-Aktivitäten – in einer Weise korreliert, die in hohem Maße auf Reaktionen auf politische Risiken hinweist. Standardmodelle sagen voraus, dass ein Anstieg des Risikos jeglicher Art und demnach ebenso ein Anstieg des politischen Risikos des Unternehmens, einen Anstieg der Volatilität der Aktienmärkte des Unternehmens auslösen und sein Investitions- und Beschäftigungswachstum verringern dürfte.

Im Vergleich zu diesen „passiven“ Reaktionen auf die gesamte Risikolage können Unternehmen ebenso „aktiv“ politische Risiken managen, indem sie an Kampagnen spenden oder Lobbyarbeit für Politiker*innen betreiben. Gemäß der Literatur sollte dieses aktive Management von politischen Risiken in großen, nicht aber kleinen Unternehmen durchgeführt werden, da sich große Unternehmen den Mehrwert aus schwankenden politischen Entscheidungen stärker zu eigen machen können, als kleine Unternehmen. Unsere Resultate stimmen mit allen Vorhersagen überein.

 

Politisches Risiko auf Unternehmensebene

Interessanterweise ist die Häufigkeit von politischen Risiken in den Unternehmen weitaus heterogener und volatiler als bisher angenommen. Der überwiegende Teil der Variation unserer Messgröße entfällt auf die Unternehmensebene und nicht auf die Gesamt- oder Sektor-Ebene, sodass die Risiken nicht immer branchenweit wahrgenommen werden. Dieser Fokus auf der Unternehmensebene sowie die Tatsache, dass die meisten Unternehmen handeln, um die wahrgenommenen Risiken neuer Richtlinien zu mindern, bevor diese in Kraft treten, bestätigt den Nutzen der Analyse von Ertragsgesprächen zur Messung der Auswirkungen von Unsicherheiten. In dem Papier zeigen wir auch, dass sich diese Heterogenität und Volatilität des politischen Risikos „summieren“ kann, um die Effizienz der Ressourcenallokation in der Wirtschaft zu verringern, was letztlich makroökonomische Folgen hat.

 

Folgen

Eine ermutigende Konsequenz der Entwicklung eines neuen Ansatzes und der Bereitstellung von Daten für andere Forscher*innen ist die Beobachtung des Anwendungsspektrums, in dem die Menschen begonnen haben, unseren Ansatz zu nutzen. Dazu gehören Studien über die Politik der Steuerhinterziehung und über die Folgen höherer CO2-Emissionen auf die Aktienkurse. Unser Team arbeitet derzeit daran, die Rolle von politischen Risiken auf den Kreditmärkten und die Preisgestaltung von Anlagen zu untersuchen. Wir haben ebenfalls eine separate Messung für die Enthüllung von Unternehmen im Vereinigten Königreich, der EU und dem Rest der Welt gegenüber dem Brexit entwickelt und untersuchen momentan die möglichen wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union.

 

Lesen Sie den vollständigen Artikel von Tarek Alexander Hassan, Stephan Hollander, Laurence van Lent und Ahmed Tahoun „Politisches Risiko auf Unternehmensebene: Messung und Auswirkungen“ im The Quarterly Journal of Economics, https://doi.org/10.1093/qje/qjz021.

 

Zitation dieses Blogs:

Van Lent, L. (2019, Juli 30). Messung politischer Risiken und ihrer Auswirkungen auf Unternehmen, TRR 266 Accounting for Transparency Blog. https://www.accounting-for-transparency.de/de/blog/messung-des-politischen-risikos-und-seiner-auswirkungen-auf-unternehmen/.

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Wir übernehmen einfache Tools der Computerlinguistik, insbesondere eine einfache musterbasierte Sequenzklassifizierungsmethode, um zwischen Sprache im Zusammenhang mit politischen und nicht-politischen Themen zu unterscheiden. Für unsere Basismaßnahme der Gesamtenthüllung von politischen Risiken verwenden wir eine Trainingsbibliothek mit politischen Texten (ein politikwissenschaftliches Studierendenlehrbuch oder Text aus der Politiksektion von Zeitungen) und eine Trainingsbibliothek mit nicht-politischen Texten (ein Rechnungswesenbuch, Text aus nicht-politischen Sektionen von Zeitungen oder Transkripte von Reden über nicht-politischen Themen), um Zweiwortkombinationen („Bigrams“), die kürzlich in politischen Texten benutzt wurden, zu identifizieren. Dann zählen wir die Nummern der Fälle, in denen die Teilnehmer des Konferenzgesprächs diese Bigrams in Verbindung mit Synonymen für „Risiko“ oder „Unsicherheit“ verwenden und teilen sie durch die Gesamtlänge des Konferenzgesprächs, um eine Maßnahme – die wir PRiskit nennen – für die Anteile des Gesprächs erhalten, der sich mit Risiken im Zusammenhang mit Politik befasst.

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