Religion, Kriminalität und Finanzberichterstattung

„Ich glaube nicht, dass man sagen kann: ‚Ich erledige meine Kirchensachen am Sonntag zwischen neun Uhr und mittags, und die übrige Zeit kümmere ich mich um mich selbst oder führe mein Geschäft.‘ Mein Glaube beeinflusst, wie ich denke, was ich tue, was ich sage.“  – so wird Donnie Smith (CEO Tyson Foods) im Wall Street Journal zitiert. Ein Satz, den man aus dem Mund eines Managers nicht in erster Linie erwarten würde. Das Zitat deutet jedoch darauf hin, dass Managemententscheidungen und religiöse soziale Normen enger miteinander verbunden sind, als man gemeinhin glaubt. Das zeigt auch eine neue Studie, die Christian Hofmann und Nina Schwaiger veröffentlicht haben. Die TRR 266 Forscher*innen liefern empirische Evidenz, dass der Grad der Religiosität im Unternehmensumfeld Einfluss darauf hat, in welchem Maß Manager Steuervermeidung und Bilanzpolitik praktizieren. Direkt – und indirekt.

 

Soziale Normen sind ein wichtiger moralischer Kompass. Sie beeinflussen wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten. Was wir tun und was wir unterlassen. Denn folgen wir ihnen, kann uns das zu mehr gesellschaftlicher Anerkennung verhelfen. Verletzen wir sie, müssen wir soziale Missachtung oder sogar Ausschluss fürchten. Doch ist dieser Zusammenhang auch auf Entscheidungen zur Rechnungslegung übertragbar? Haben Normen einen Einfluss darauf, ob Unternehmen dazu neigen, Steuern zu vermeiden und Erträge zu managen?

 

Auf das Zusammenspiel kommt es an

Wir sind dieser Frage empirisch nachgegangen. Dabei haben wir unseren Fokus auf zwei unterschiedliche Arten von Normen gelegt: Religion und Kriminalität. Religion zählt zu den sogenannten injunktiven Normen. Diese zeigen an, wie wir uns verhalten sollten. Also welche Verhaltensweisen von anderen gebilligt oder missbilligt werden. Kriminalität wiederum gehört zu den beschreibenden Normen. Sie geben an, wie sich andere Menschen tatsächlich im Alltag verhalten. Das bedeutet also: Während uns religiöse Normen davon abhalten können, unmoralisch zu handeln, da wir soziale Ächtung fürchten, kann eine hohe Kriminalitätsrate in unserem Umfeld genau das Gegenteil bewirken, da wir zum Beispiel unser Ansehen weniger stark gefährdet sehen.

Einen besonderen Fokus haben wir auf das Zusammenspiel dieser beiden Normen gelegt. Denn empirisch belegt ist, dass Religiosität einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Kriminalitätsrate hat. Die Wirkung dieser beiden Faktoren auf die Rechnungslegung wurde bisher allerdings ausschließlich unabhängig voneinander betrachtet. Unklar war bislang somit, ob eine direkte Beziehung zwischen religiösen Normen und Entscheidungen zur Rechnungslegung besteht. Oder eine indirekte, die zentral über die Kriminalitätsrate in der geographischen Umgebung des Unternehmens erklärt werden kann.

 

Rechnungslegung: Religion zeigt Wirkung

Unsere Antwort auf diese Frage fällt eindeutig aus: Beides trifft zu. Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass Unternehmen, die in ihrer Umgebung stärker religiösen sozialen Normen ausgesetzt sind, insgesamt weniger zu Steuervermeidung und Bilanzpolitik neigen. Dabei fungiert die Kriminalitätsrate teilweise als eine Art Mediator: Konkret, wenn es um die buchhalterische Bilanzpolitik (im Englischen „accrual-based earnings management“) geht. In dem Fall bewirkt die niedrigere Kriminalitätsrate, dass Unternehmen weniger zu dieser Art der Bilanzpolitik neigen. Die niedrigere Kriminalitätsrate wiederum ist Ergebnis der höheren Religiosität in der geographischen Umgebung des Unternehmens.

Interessanterweise beschäftigen sich solche Unternehmen weniger mit realer Bilanzpolitik (im Englischen „real earnings management“). Möglicher Grund dafür: Reale und buchhalterische Bilanzpolitik treten in der Regel als Substitute auf. Während reale Bilanzpolitik den langfristigen Unternehmenswert gefährden kann, nehmen Manager buchhalterische Bilanzpolitik als ethisch weniger vertretbar wahr. Nimmt nun die Kriminalität im Umfeld des Unternehmens zu, sinken die Reputationskosten, die mit buchhalterischer Bilanzpolitik verbunden sind. Im Ergebnis finden wir folglich, dass Manager reale Bilanzpolitik durch buchhalterische Bilanzpolitik substituieren. Ein direkter Zusammenhang wiederum besteht zwischen Religiosität und der Tendenz zur Steuervermeidung. In diesem Fall bewirkt ein höherer Grad an Religiosität im Unternehmensumfeld, dass Unternehmen weniger dazu neigen, Steuern aktiv zu vermeiden.

 

Das Verhalten von Unternehmen erklären

Unsere Ergebnisse sind insbesondere für Investoren und Regulierungsbehörden interessant. Denn wir liefern ein weiteres wichtiges Puzzleteil, das dabei hilft, das Verhalten von Unternehmen zu erklären und zu verstehen. Normen sind wichtige Einflussfaktoren, die berücksichtigt werden sollten. Womöglich können unsere Ergebnisse auf diese Weise auch bei Regulierungsentscheidungen helfen.

 

Lesen Sie die Publikation „Religion, crime, and financial reporting” von C. Hofmann und N. Schwaiger, erschienen in “Journal of Business Economics“.

More Information

Zur Klärung der Forschungsfrage haben wir Daten zur Religionszugehörigkeit und Kriminalität in Deutschland auf Gemeindeebene erhoben, die 32.973 Gemeindejahre umfassen. Dabei haben wir Religionszugehörigkeit als Anteil der Christen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der Gemeinde definiert. Kriminalität wiederum als den natürlichen Logarithmus der Anzahl aller Arten von Verbrechen pro 100.000 Einwohner – die Daten haben wir auf Landkreisebene erhoben.

Diese Daten haben wir wiederum mit Daten zu Steuervermeidung und Bilanzpolitik auf Unternehmensebene kombiniert. Der Datensatz umfasst die Jahre 2011-2017. Daraus resultierten mit Blick auf die Bilanzpolitik 1.742 Firmenjahresbeobachtungen deutscher börsennotierter Unternehmen aus Thomson Reuters Datastream. Bezogen auf Steuervermeidung wiederum haben sich 782 Firmenjahresbeobachtungen ergeben.

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