Januar 2021: Prof. Dr. Johannes Voget

Johannes Voget, Inhaber des Lehrstuhls Taxation and Finance an der Universität Mannheim, forscht derzeit in drei Teilprojekten des TRR 266. In B07 geht er der Frage nach, wie sich obligatorische und freiwillige Steuerberichte auf die Steuertransparenz und auf Unternehmen auswirken. Im Projekt A05 untersucht er, welchen Einfluss Steuerkomplexität auf das Investitionsverhalten von Unternehmen hat. Außerdem ist er einer der leitenden Forscher des German Business Panel, dem langfristigen Befragungspanel des TRR 266.

 

Empirische Steuerforschung: Muster richtig deuten

Ich brenne vor allem für die empirische Steuerforschung. Ich finde es wahnsinnig spannend, aus empirischen Mustern abzulesen und zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Gemeinsam mit anderen Forschenden herauszufinden, wie diese Muster zu interpretieren sind; ob es sich um kausale Zusammenhänge handelt. Genau zu erörtern, was für die eine oder für die andere Sichtweise spricht. Das macht mir einfach Spaß. Außerdem schätze ich, wie kollegial es in unserer Disziplin zugeht. Darauf hat mich tatsächlich mal eine Kollegin aus einem anderen Forschungsbereich angesprochen. Sie hatte eine unserer Konferenzen besucht und war angenehm überrascht, wie kollegial dort Kritik geübt wird. In anderen Disziplinen kann der Ton auch schon mal rauer werden.

Die Nachwuchsarbeit liegt mir sehr am Herzen. Einer der schönsten Aspekte meiner Arbeit.

Lehre: mit Herz, ohne Hierarchien

Studiert und promoviert habe ich in den Niederlanden, in Maastricht und Tilburg. Das hat mich natürlich geprägt und ist vermutlich auch ein Grund, warum mich die empirische Forschung fasziniert. Denn in den Niederlanden gibt es schon seit langer Zeit einen sehr starken empirischen Fokus. Auch für meine Lehre habe ich aus dieser Zeit einiges mitgenommen. Im niederländischen Hochschulsystem geht es sehr egalitär zu. Es gibt eigentlich kaum Hierarchien. Jeder kann durch seinen Beitrag ein Projekt prägen. Das hat sich auch auf meine Art zu lehren übertragen. Zumindest habe ich den Eindruck, dass zwischen mir und meinen Doktoranden kaum Hierarchien entstehen. Aber dazu sollte man vielleicht lieber meine Doktoranden befragen. Die Nachwuchsarbeit jedenfalls liegt mir sehr am Herzen. Einer der schönsten Aspekte meiner Arbeit, wie ich finde. Wenn man beobachten kann, wie die eigenen Doktoranden an jedem Kurs, an jeder neuen Forschungsarbeit wachsen. Und wenn sie einem dann irgendwann „über den Kopf wachsen“, also noch viel besser werden als man selbst, ist das toll mitanzusehen.

 

Mehr Validierung

Zur Doktorandenausbildung gehört natürlich auch, die Nachwuchsforscher auf das Wissenschaftssystem vorzubereiten. Auf die Anforderungen und Erwartungen. In meiner Ausbildung bekam man sehr schnell mit, wie wichtig es ist, seine Forschung in die führenden Zeitschriften zu bringen. Natürlich ist das mittlerweile noch viel stärker ausgeprägt, auch in Deutschland. Das hat Vor- und Nachteile. Wenn man jedenfalls in die Top Journals kommen möchte, kommt es sehr stark darauf an, dass man in seiner Forschung neuartige Fragestellungen beantwortet. Neues Terrain ist immer spannender als das Altbekannte. Trotzdem würde ich mir manchmal wünschen, dass wir mehr Energie darauf verwenden, noch mehr zu validieren. Also zu überprüfen, ob das, was wir oder andere Forschende in den Daten gefunden haben, wirklich richtig ist – und auch in anderen Kontexten gilt. So, wie es die Naturwissenschaften tun. Aber darauf ist unser System noch nicht ausgerichtet.

Insgesamt zeigen unsere Daten, dass sich steuerliche Transparenz durch eine öffentliche CbCR spürbar erhöht.

Mehr Transparenz durch Country-by-Country Reporting

In unserem TRR 266-Projekt B07 untersuchen wir, wie Steuerberichte auf steuerliche Transparenz und auf Unternehmen wirken. Zum Beispiel, welche Auswirkungen Country-by-Country Reporting (CbCR) hat. Seit 2014 müssen Banken steuerlich relevante Informationen nach Ländern aufschlüsseln und offenlegen. Wir haben untersucht, wie wirksam dieses Instrument tatsächlich ist. Und inwieweit es die Transparenz über das Steuervermeidungsverhalten der Banken erhöht, indem es Steuerverlagerungen aufzeigt.  Um das systematisch untersuchen zu können, haben wir eine neue Datenbank entwickelt. Sie enthält Informationen aus den CbCR von mehr als 100 multinationalen Bankengruppen mit Sitz in der EU zwischen 2014 und 2016. Die Daten zusammenzutragen war ein großes Stück Arbeit, denn diese Berichte sind häufig schwer zu finden. Manch einer gibt sich viel Mühe, die Nadel im Heuhaufen zu verstecken.

Diesen neuen Datensatz haben wir mit Daten aus den bisher zugänglichen Quellen verglichen. Unsere Analyse zeigt, dass durch die Informationen aus den CbCR tatsächlich ein großer Teil der weltweiten Gewinne aufgedeckt werden kann, die vorher unentdeckt geblieben sind. Das betrifft insbesondere Gewinne in Ländern, die als Steuerparadiese gelten. Dabei besteht eine Diskrepanz zwischen den ausgewiesenen Gewinnen und den tatsächlichen Aktivitäten der Banken in diesen Ländern. Vorher hatten wir ein eher verzerrtes Bild davon, wo Gewinne tatsächlich erwirtschaftet werden. Insgesamt zeigen unsere Daten also, dass sich steuerliche Transparenz durch eine öffentliche CbCR spürbar erhöht. Allerdings sind die Berichte noch nicht so aussagekräftig, wie sie sein könnten. Denn einige wichtige Variablen werden noch nicht berücksichtigt. Beispielsweise, wie sich das Kapital, das die Banken nutzen, auf die einzelnen Länder verteilt. Hier sollten Regulierer noch nachbessern.

Wie wirkt Steuerkomplexität?

Im Projekt A05 wiederum beschäftigen wir uns mit Steuerkomplexität. Und mit der Frage, wie sie beispielsweise das Handeln von Unternehmen beeinflusst. Komplexität ist generell schwierig zu messen. Bisherige Ansätze waren nicht überzeugend und wurden teilweise viel kritisiert. Mit dem Tax Complexity Index wurde vom Projektteam allerdings ein Instrument entwickelt, das steuerliche Komplexität weltweit sehr gut erfasst. Nach 2016 und 2018 sind weitere Befragungswellen geplant. Sie ermöglichen es uns, Steuerkomplexität im Zeitverlauf zu untersuchen und Kausalzusammenhänge noch eindeutiger zu identifizieren. Auf dieser Grundlage können wir beispielsweise untersuchen, wie bestimmte Arten von Komplexität auf Investitionen wirken. Wann Komplexität eher stimulierend und wann sie hemmend wirkt.

Als Wissenschaftsnetzwerk können wir eine Mittlerrolle zwischen Politik und Unternehmen einnehmen.

German Business Panel: Mittler zwischen Politik und Wirtschaft

Außerdem bin ich einer der Teilprojektleiter des German Business Panel (GBP). Hierbei handelt es sich um das zentrale Infrastrukturprojekt des TRR 266. Durch die direkte Befragung einer großen Anzahl von Firmen und die Möglichkeit, eigene Fragen einzubringen, ermöglichen wir den einzelnen Teilprojekten Zugang zu einzigartigen Unternehmensdaten, die man so nicht in anderen Quellen findet. Den Unternehmen wiederum bieten wir mit unseren Befragungen eine gute Möglichkeit, zu zeigen, wo der Schuh drückt. Insbesondere mit unserer Corona-Befragung sehen wir, wie dankbar dieses Angebot angenommen wird. Das zeigen hohe Teilnehmerzahlen und viel positives Feedback. Viele Unternehmen begrüßen es, dass eine Institution zielgerichtet nachfragt: Wie entwickelt ihr euch? Wie viele Umsatzverluste habt ihr? Wie hilfreich findet ihr die Hilfsmaßnahmen?

Viele Unternehmen scheinen das Gefühl zu haben, kein Gehör für ihre Belange zu finden.  Klar, es gibt die Lobbyverbände, aber die agieren immer unter dem Verdacht, unverhältnismäßige Partikularinteressen zu vertreten. Als TRR 266, als Wissenschaftsnetzwerk können wir eine neutrale Rolle einnehmen. Eine Mittlerrolle zwischen Politik und Unternehmen. Wir können herausfinden, wie Unternehmen mit Steuerkomplexität oder Rechnungslegungsfragen umgehen. Wie Unternehmen Entscheidungen treffen. Wie Reformen wirken. Diese Ergebnisse können wir systematisch auswerten, repräsentativ zusammentragen und so auch Öffentlichkeit und Politik vermitteln. Außerdem haben teilnehmende Unternehmen die Möglichkeit, branchenspezifische Berichte von uns zu erhalten. So können sie sehen, wie Unternehmen aus der eigenen Branche im Durchschnitt mit bestimmten Sachverhalten umgehen. Das ist für viele ein wertvolles Feedback.

Weitere Unternehmen, die teilnehmen wollen, sind immer willkommen und können sich unter www.gbpanel.org registrieren.

 

 

Die im Beitrag geäußerten Ansichten geben die Meinung des Forschenden wieder und entsprechen nicht grundsätzlich der Meinung des TRR 266. Als Wissenschaftsverbund ist der TRR 266 sowohl der Meinungsfreiheit als auch der politischen Neutralität verpflichtet.  

Researcher of the Month Dezember

Beteiligte Institutionen

Die Hauptstandorte vom TRR 266 sind die Universität Paderborn (Sprecherhochschule), die HU Berlin und die Universität Mannheim. Alle drei Standorte sind seit vielen Jahren Zentren für Rechnungswesen- und Steuerforschung. Hinzu kommen Wissenschaftler der LMU München, der Frankfurt School of Finance and Management, der WHU – Otto Beisheim School of Management, der ESMT Berlin, der Goethe-Universität Frankfurt und der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, die die gleiche Forschungsagenda verfolgen.