Oktober 2022: Prof. Dr. Joachim Gassen

Joachim Gassen, Professor für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung an der Humboldt-Universität zu Berlin, forscht in drei Teilprojekten des TRR 266. Im Projekt B04 „Real Effects of Transparency“ untersucht er, wie sich Transparenz auf das Verbraucherverhalten und auf Entscheidungen von Unternehmen auswirkt. Im Projekt B02 „Private Firm Transparency“ geht er wiederum der Frage nach, wie sich die Transparenz privater Unternehmen auf die Investitionen sowie den M&A- und Arbeitsmarkt auswirkt. Als Principal Investigator und Gründer des Open Science Data Center des TRR 266 ermutigt Gassen die Wissenschaftsgemeinschaft, von- und miteinander zu lernen – sowie zu einer konstruktiven Fehlerkultur.

 

Accounting: Vertrauen schaffen durch faktenbasierte Kommunikation

Auf die zahlenorienterte BWL hatte ich schon während meines VWL-Studiums ein Auge geworfen. Über Zahlen zu sprechen, in Zahlen zu denken, das liegt mir einfach, das macht mir Spaß. Meine Passion für das Accounting musste ich allerdings erst entdecken. Zu Beginn hatte ich einen Accounting-Professor, der das Fach sehr traditionell unterrichtete, sehr normativ und statisch. Begeisterung kam da nur schwer auf. Die kam erst mit Bernd Pellens. Er wusste einfach, wie man Studenten für das Fach begeistert. Bei mir genügte ein Satz: „Rechnungswesen ist angewandte Informationsökonomie“. Das hat meinen Blick auf das Accounting total verändert und meine Faszination für das Fach geweckt. Die Möglichkeit, Kommunikation mithilfe von quantitativen Informationen so zu gestalten, dass Vertrauen entsteht, – drei Dinge, die mir sehr wichtig sind –, finde ich einfach unglaublich spannend. Immerhin habe ich ursprünglich angefangen VWL zu studieren, weil ich Journalist werden wollte.

Wir brauchen den Mut, voneinander und miteinander zu lernen.

Gemeinsam besser werden: Zusammenarbeit in der Forschung

Neben meiner Forschung setze ich mich auch aktiv für die Zusammenarbeit in der Forschung ein. Unter Forschenden herrscht immer noch viel Wettbewerb. Doch das ist kein besonders gutes Konzept. Als Einzelkämpfer können wir nur relativ wenig erreichen. Wir sind darauf angewiesen, zu kooperieren. Eine Einsicht, die ich der Open Source-Bewegung verdanke. Ich gehöre wohl zu den ältesten Digital Natives – wurde mit und durch den Computer sozialisiert und habe mich relativ früh der Open Source-Bewegung angeschlossen. Dort habe ich erlebt, wie unglaublich viel man erreichen kann, wenn man nicht alles alleine macht. Schließlich habe ich begonnen, mich mit diesem Gedanken auch in der Forschung zu beschäftigen. Ich habe mich gefragt, wie viel mehr könnte unsere Forschung bewirken, wenn wir es zulassen, dass andere auf unserer Arbeit aufbauen und uns über die Schulter schauen? Wie viele Fehler könnten wir vermeiden? Dass Forschung auch heute teilweise noch hinter verschlossenen Türen stattfindet, finde ich absurd. Hätten wir mit diesem Ansatz das Internet aufgebaut, würden wir heute immer noch in der digitalen Steinzeit festsitzen. Wir müssen umdenken: Wir brauchen den Mut, voneinander und miteinander zu lernen.

Es wäre fantastisch, wenn wir den Open Science-Gedanken im Accounting- und Tax-Bereich hoffähig machen könnten. So, dass es irgendwann selbstverständlich wird, dass wir uns gegenseitig über die Schulter schauen, voneinander lernen und gemeinsam Dinge besser machen.

Open Science hoffähig machen

Das ist ein Gedanken, den wir im TRR 266 leben. Wir profitieren von diesem großartigen Netzwerk von Menschen, die alle gemeinsam aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln an einer übergreifenden Fragestellung arbeiten. So können wir Dinge angehen, die wir als Einzelperson nie schaffen würden. Der TRR 266 bietet uns die Chance, gemeinsam etwas zu bewegen. Ich finde es toll zu sehen, wie dabei auch der Wettbewerb zwischen den Standorten beigeschliffen wird. Einfach, weil sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass wir mehr bewirken können, wenn wir gemeinsam daran arbeiten. Mit unserem Open Science Data Center möchten wir auch andere daran teilhaben lassen. Wir machen unsere Methoden, Daten und Ergebnisse öffentlich zugänglich. So können andere Forschende auf unserer Arbeit aufbauen, sie überprüfen und vielleicht sogar besser machen. Es wäre fantastisch, wenn wir den Open Science-Gedanken im Accounting- und Tax-Bereich auf diese Weise hoffähig machen könnten. So, dass es irgendwann selbstverständlich wird, dass wir uns gegenseitig über die Schulter schauen, voneinander lernen und gemeinsam Dinge besser machen.

Um Open Science hoffähig zu machen, braucht es mehr als eine positive Fehlerkultur.

Neue Wege gehen

Für Forschende, die jünger sind als ich, ist die digitale Kooperation häufig bereits jetzt selbstverständlich. Ältere Semester haben damit teilweise ihre Probleme, weil sie anders sozialisiert wurden. Hinzu kommt, dass viele von ihnen primär konzeptionell und weniger operativ an Forschungsprojekten arbeiten. Daher erleben sie die Vorteile dieser Arbeitsweise meist nicht aus erster Hand: die Arbeitserleichterung, den riesigen Produktionsschub. Das nur vordergründig bestehende Risiko, dass durch Kooperationen Fehler aufgedeckt werden, überwiegt für sie. Doch dort, wo Menschen arbeiten, passieren nun mal Fehler. Die einzige Möglichkeit, Fehler erfolgreich zu vermeiden, besteht darin, sich eigene Fehler zu verzeihen und den Mut zu finden, anderen zu erlauben, uns auf die Finger zu schauen. Denn entdecken und beseitigen können wir Fehler leichter gemeinsam. Um Open Science hoffähig zu machen, braucht es allerdings noch mehr. So muss sich beispielsweise ändern, wie wir Forschungsoutput messen und über akademische Karrieren entscheiden. Ausschlaggebend sind dafür häufig lediglich Veröffentlichungen in Spitzenjournalen. Dieses Vorgehen sollte unbedingt ergänzt werden. Auch der Wert der Arbeit für die wissenschaftliche Gemeinschaft sollte eine Rolle spielen. Wenn jemand zum Beispiel wichtige Daten zusammengetragen oder ein Package programmiert hat, das Tausenden von Forschenden hilft, dann ist das auch wissenschaftlicher Impact und sollte entsprechend honoriert werden.

Registered Reports stärken den Anreiz, riskante und aufwendige Forschungsprojekte überhaupt anzugehen.

Kennzeichnung von Lebensmitteln: Wie lässt sich das Verbraucherverhalten ändern?

Ein weiteres Open Science-Thema sind sogenannte Registered Reports. So wurde zum Beispiel auf der letztjährigen Registered Reports Conference des Journal of Accounting Research Experimentalideen zu einem Zeitpunkt vorgestellt, in dem sie nur konzeptionell gedacht sind. Man bekommt also schon in einer Phase Feedback, in der man das Design noch anpassen kann. Und im Idealfall erhält man nach einem erfolgreichen Reviewprozess eine „in-principle acceptance“. Die Forschungsarbeit wird also, nachdem sie den Review-Prozess durchlaufen hat, schon grundsätzlich zur Publikation angenommen, noch bevor das Experiment durchgeführt wurde. Die einzige Voraussetzung: Das Experiment muss exakt so durchgeführt werden, wie es geplant wurde – und die Ergebnisse müssen exakt so gemessen und dargestellt werden, wie auf Grundlage des ursprünglichen Designs geplant. Ich finde das fantastisch, denn es reduziert die Gefahr, dass nicht-signifikante Ergebnisse nicht veröffentlicht werden, oder – noch schlimmer –, dass Forschende durch nachträgliche Designanpassungen signifikante Ergebnisse „generieren“. Letztlich stärkt dieser Prozess somit den Anreiz, riskante und aufwendige Forschungsprojekte überhaupt anzugehen.

Ich bin deswegen schon ein bisschen stolz, dass unser Experiment zur CO2-Kennzeichnung von Lebensmitteln eine solche „in-principle acceptance“ vom JAR erhalten hat. Mit dem Experiment, das wir zusammen mit einer großen Kantine durchführen werden, untersuchen wir, wie man Informationen zum CO2-Fußabdruck von Speisen aufbereiten muss, damit sie bei Speisenden zu Änderungen des Konsumverhaltens führen. Ein Projekt, das uns wirklich sehr am Herzen liegt! Es ist ein tolles Gefühl, dass wir uns nun ganz darauf konzentrieren können, das Experiment bestmöglich durchzuführen. Auf die Ergebnisse sind wir schon wahnsinnig gespannt.

Über Interviews versuchen wir  zu verstehen, ob und wie Standardsetzer die realen Effekte von Unternehmenstransparenz bei ihrer Standardentwicklung berücksichtigen.

Wie denken die Standardsetzer über „real effects“?

Das Experiment ist übrigens Teil unseres TRR 266 Projekts B04. In dem Projekt untersuchen wir, wie Transparenz abseits des Kapitalmarktes wirkt. Wir untersuchen also die sogenannten „real effects“ von Unternehmenstransparenz. So breit wie das Themengebiet ist auch unser Portfolio an Projekten. Über Interviews versuchen wir zum Beispiel zu verstehen, ob und wie Standardsetzer solche realen Effekte bei ihrer Standardentwicklung berücksichtigen. Traditionell liegt der Fokus bei der Standardentwicklung auf der Vermittlung von entscheidungsnützlichen Informationen für Investoren. Die Wirkung, die Standards darüber hinaus entfalten, ist dementsprechend für klassische Standardsetzer nicht von direktem Interesse. Doch es gibt zunehmend Standardsetzer, die versuchen Rechnungslegung zu entwickeln, die gewisse gesellschaftliche Ziele von öffentlichem Interesse erreicht. Standardsetzung wird dadurch ein viel politischerer Prozess. Denn Handeln im öffentlichen Interesse macht eine Interessenabwägung notwendig und erfordert demokratische Prozesse. Diese unterschiedlichen Denkweisen versuchen wir, durch Interviews zu analysieren und besser zu verstehen.

Nicht-kapitalmarktorientierte, also private Unternehmen erhalten in der Forschung bislang nur vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Das möchten wir ändern.

Wie wirkt die Transparenz von Privatunternehmen auf Entscheidungen?

Im Projekt B02 wiederum beschäftigen wir uns mit der Wirkung von Transparenzpflichten privater Unternehmen unter anderem auf das Investitionsverhalten und den Arbeitsmarkt. Nicht-kapitalmarktorientierte, also private Unternehmen erhalten in der Forschung bislang nur vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Das möchten wir ändern. Denn sie sind unheimlich wichtig für unsere Volkwirtschaft. Immerhin haben wir in Deutschland etwa 3 ½ Millionen Unternehmen, von denen lediglich rund 500 börsennotiert sind. Faszinierend ist, dass die Transparenzvorschriften für private Unternehmen weltweit sehr unterschiedlich sind. Während sie in Europa relativ viel offenlegen müssen, sind sie in den USA nicht offenlegungspflichtig. Wir möchten herausfinden, wie diese unterschiedlichen Transparenzsysteme wirken, welche Effekte sie haben. Dabei schauen wir uns die unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Unternehmen an. Denn private Unternehmen sich auch in sich sehr heterogen. Sie alle über einen Kamm zu scheren, würde ihnen nicht gerecht werden.

Zurzeit untersuchen wir, welche Rolle die Transparenz von privaten Unternehmen im Rahmen von Akquisitionsprozessen spielt.

Transparenz privater Unternehmen in Akquisitionsprozessen

Zurzeit untersuchen wir, welche Rolle die Transparenz von privaten Unternehmen im Rahmen von Akquisitionsprozessen spielt. Mit einer Information über sämtliche Elektrogroßhändler in Berlin könnten Investoren zum Beispiel beurteilen, ob es sich um einen Marktbereich handelt, in dem sich Akquisitionen lohnen. Und das ist speziell bei der Unternehmensnachfolge sehr wichtig – gerade jetzt im Zuge des demografischen Wandels. Gute Unternehmensnachfolgen brauchen effiziente Akquisitionsprozesse, um die Käufer zu identifizieren, die das Unternehmen bestmöglich führen können. Speziell in diesem Bereich könnten Transparenzregulierungen also durchaus sinnvoll sein und am Ende allen Beteiligten nutzen. Unsere Studie zum Thema hat Janja Brendel, Projektmitglied und TRR 266 Research Fellow, bereits auf einer sehr renommierten Konferenz in Hongkong vorgestellt. Das Working Paper, das wir zurzeit ausarbeiten, wird voraussichtlich Ende 2022 erscheinen.

Geschichten helfen uns dabei, festgefahrene Überzeugungen aufzubrechen und wissenschaftlicher Evidenz Gehör zu verschaffen.

Forschung vermitteln, Geschichten erzählen

Wie für die meisten Forschenden ist es mir natürlich wichtig, mit meiner Forschung etwas zu bewirken – nicht nur im Forschungsumfeld selbst, sondern auch in der Gesellschaft. Ich denke allerdings, es wäre falsch zu glauben, dass wir beispielsweise für Regulierer die optimale Regulierung „ausrechnen“ können. Unsere Aufgabe ist es vielmehr, Argumentationslinien theoretisch zu formulieren und darauf basierend kausale Zusammenhänge aufzuzeigen, die empirisch in den Daten evident sind – und die Regulierer in ihre Entscheidungsfindung mit einbinden können. Wir sollten diese Argumente Regulierern so erklären können, dass sie für sie nachvollziehbar und damit relevant werden. Und dafür ist es natürlich auch wichtig, dass wir unsere Forschung in ein passendes Gewand hüllen. Für mich persönlich gehört das einfach dazu. Mir macht es viel Freude, meine Forschungsergebnisse über Datenvisualisierungen zu veranschaulichen oder in Blogbeiträgen zu erklären – und sie mit einer Geschichte aufzuladen. Denn Geschichten sind es, die bei Menschen hängenbleiben – egal ob Regulierer, Unternehmer oder Bürger. Geschichten helfen uns dabei, festgefahrene Überzeugungen aufzubrechen und wissenschaftlicher Evidenz Gehör zu verschaffen.

Wir können mit dem TRR 266 dazu beitragen, zu verstehen und offenzulegen, wann Transparenz sinnvoll und wann sie wirkungslos oder vielleicht sogar schädlich ist.

Das Yin und Yang der Transparenz

Insgesamt können wir mit dem TRR 266 dazu beitragen, zu verstehen und offenzulegen, wann Transparenz sinnvoll und wann sie wirkungslos oder vielleicht sogar schädlich ist. Nicht immer scheinen Transparenzregulierungen eingeführt zu werden, weil sie das jeweilige Problem am wirksamsten lösen. Manchmal scheint es eher so, als ob sie eingeführt werden, weil sie die politisch einfachste Option sind. Schauen wir beispielsweise auf das Nachhaltigkeitsreporting. Durch die Offenlegung bestimmter Informationen sollen Unternehmen dazu bewegt werden, sich in einem gesellschaftlichen Sinne nachhaltig zu verhalten. Die Verantwortung wird also insbesondere auf den Kapitalmarkt, bzw. letztlich auf Investoren, Unternehmen und Kunden abgeladen. Mir scheint es, als würde man sich ein wenig vor der Frage wegducken, wie wir eigentlich die Governance von Unternehmen ändern sollten, wenn wir akzeptieren müssen, dass Unternehmen auf Dauer Ressourcen nutzen, die wir nicht über Verfügungsrechte hinreichend geschützt haben. Daher ist es wichtig, dass wir Regulierungskonzepte wissenschaftlich untersuchen und Transparenz nicht als Allheilmittel verstehen.

 

 

Joachim Gassen über sein Projekt B04:

 

*Die im Beitrag geäußerten Ansichten geben die Meinung des Forschenden wieder und entsprechen nicht grundsätzlich der Meinung des TRR 266. Als Wissenschaftsverbund ist der TRR 266 sowohl der Meinungsfreiheit als auch der politischen Neutralität verpflichtet.

**In diesem Beitrag wird ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit teilweise auf die geschlechtsspezifische Schreibweise verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

 

 

Researcher of the Month Juli

Beteiligte Institutionen

Die Hauptstandorte vom TRR 266 sind die Universität Paderborn (Sprecherhochschule), die HU Berlin und die Universität Mannheim. Alle drei Standorte sind seit vielen Jahren Zentren für Rechnungswesen- und Steuerforschung. Hinzu kommen Wissenschaftler der LMU München, der Frankfurt School of Finance and Management, der WHU – Otto Beisheim School of Management, der ESMT Berlin und der Goethe-Universität Frankfurt, die die gleiche Forschungsagenda verfolgen.