August 2020: Prof. Dr. Anja Schöttner

Anja Schöttner, Professorin für Management an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist Projektleiterin des Teilprojekts A02 „Transparency Effects of Organizational Innovations“. Darin untersucht sie, wie sich organisatorische Innovationen auf die Transparenz zwischen und innerhalb von Firmen auswirken.

 

„Ja“ zu angewandter Forschung

Ich finde es unheimlich reizvoll, mich intensiv und wissenschaftlich mit Fragestellungen auseinanderzusetzen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Daher stand für mich früh fest, dass ich eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen möchte. Wesentlich schwieriger fiel mir die Entscheidung für ein Fachgebiet. Während meines Wirtschaftsmathematik-Studiums habe ich lange über meinen Forschungsschwerpunkt nachgedacht: Soll ich in Mathematik oder in der Wirtschaftswissenschaft promovieren? Die Möglichkeit, angewandte Fragestellungen mit hoher gesellschaftlicher Relevanz bearbeiten zu können, war letztlich ausschlaggebend für meine Wahl. Ich entschied mich für die Wirtschaftswissenschaften, speziell für die Personal- und Organisationsökonomie. Denn ich finde es unheimlich spannend zu untersuchen, wie Menschen Entscheidungen treffen und wie die Entscheidungsfindung letztlich durch geeignete Organisationsstrukturen in die richtigen Bahnen gelenkt
werden kann.

Ich finde es unheimlich spannend zu untersuchen, wie Menschen Entscheidungen treffen und wie die Entscheidungsfindung letztlich durch geeignete Organisationsstrukturen in die richtigen Bahnen gelenkt werden kann.

Selbstorganisierte Teamarbeit im Fokus

In den vergangenen Jahren haben wir beobachtet, dass es einen Trend zu mehr Teamarbeit in Unternehmen gibt. Immer weniger Arbeit wird individuell verrichtet, immer mehr im Teamverbund. Die Teams wiederum sind zunehmend selbstorganisiert. Ihnen werden also Entscheidungen übertragen, die früher vielleicht von einem Vorgesetzten einer höheren Hierarchieebene für das Team getroffen wurden. Im Projekt A02 möchten wir modelltheoretisch erklären, welche Umstände diese Entwicklung begünstigen; wann es sinnvoll ist, diese Form der Teamarbeit einzusetzen und wie Organisationsstrukturen verändert werden müssen, um selbstorganisierte Teamarbeit optimal zu begleiten.

Erste Teilresultate zeigen, dass selbstorganisierte Teamarbeit insbesondere dann vermehrt implementiert wird, wenn Veränderungen in der Unternehmensumwelt zu mehr Unsicherheit führen. Beispielsweise darüber, welche Probleme das Unternehmen in naher Zukunft zu bewältigen hat oder über die Bedürfnisse der Kunden. Selbstorganisierte Teamarbeit scheint in diesen Fällen eine höhere Flexibilität bieten zu können. Das ist insbesondere dann vorteilhaft, wenn es notwendig ist, auf unerwartete Veränderungen in der Unternehmensumwelt möglichst schnell zu reagieren. Pandemien, wie derzeit die Corona-Krise, können Auslöser für solche Veränderungen sein. Wobei es sich hierbei selbstverständlich um ein Extrembeispiel handelt. Eine weitaus gängigere Ursache ist zum Beispiel die Umsetzung neuer Regulierungsmaßnahmen oder Marktveränderungen oder die Verfügbarkeit neuer Technologien.

Durch die breite Vernetzung und den regelmäßigen Austausch erhalten wir immer wieder neue Impulse für unsere Forschung und haben die Möglichkeit, Forschungsprojekte anzustoßen, die es ohne den TRR 266 vermutlich so nicht geben würde.

Neue Impulse für die Forschung

Im Projekt nehmen wir eine Vielzahl von Aspekten in den Blick. Derzeit untersuchen wir beispielsweise, wie Wissenstransfer in Teams funktioniert und welche Organisationsstrukturen einen effektiven Wissenstransfer begünstigen. Künftig möchten wir auch die Effekte von Steuersetzung auf die Organisationsstrukturen in Unternehmen genauer erforschen. Dabei kommt uns das Forschungsnetzwerk des TRR 266 zugute. Denn es ermöglicht einen intensiven Austausch mit Experten aus anderen Forschungsbereichen. Die Steuerexperten des TRR 266 können uns speziell bei dieser Fragestellung sehr gut unterstützen. Genau das ist es, was ich an unserem Forschungsnetzwerk besonders schätze: Durch die breite Vernetzung und den regelmäßigen Austausch erhalten wir immer wieder neue Impulse für unsere Forschung und haben die Möglichkeit, Forschungsprojekte anzustoßen, die es ohne den TRR 266 vermutlich so nicht geben würde.

 

Raus aus dem Elfenbeinturm

Gerade der theoretischen Forschung wird häufig vorgeworfen, dass sie zu sehr im Elfenbeinturm verharrt und Modelle entwickelt, die nur eine eingeschränkte praktische Relevanz haben. Gegen dieses Vorurteil möchten wir mit unserer Forschungsarbeit angehen. Unser Ziel ist es, Modelle zu entwickeln, die empirisch getestet werden können und dabei helfen, Phänomene, die wir in der Praxis beobachten, zu verstehen. Wir möchten Unternehmen helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel, indem wir ihnen wissenschaftlich darlegen, wie sie Informationsfluss und Anreizsysteme anpassen müssen, um selbstorganisierte Teamarbeit erfolgreich zu implementieren. So weit sind wir zwar noch nicht, aber genau da möchten wir hin.

Ich glaube, dass wir mit der Transparenzforschung, die im TRR 266 betrieben wird, insgesamt einen wichtigen Beitrag für Praxis und Gesellschaft leisten können.

 Mit Transparenz zu mehr Vertrauen

Ich glaube, dass wir mit der Transparenzforschung, die im TRR 266 betrieben wird, insgesamt einen wichtigen Beitrag für Praxis und Gesellschaft leisten können. Insbesondere, wenn es darum geht, zu verstehen, wann Transparenz wirklich wichtig ist, wie man sie optimal implementiert – und wann sie kontraproduktiv wird. Etwa dann, wenn so viele Informationen zu Verfügung stehen, dass man sie nicht mehr richtig verarbeiten kann. Auf diese Weise können wir eine wichtige Orientierung für Regulierer und politische Entscheidungsträger schaffen.

Außerdem sehe ich die Möglichkeit, mit unserer Arbeit im TRR 266 das Vertrauen in Wissenschaft zu stärken – und somit ein Gegengewicht zu einer gesellschaftlichen Entwicklung zu schaffen, die sich aktuell abzeichnet. Derzeit machen Populisten Schlagzeilen, die Informationen kontrollieren, – und Menschen, die das Vertrauen in Wissenschaft und die Erkenntnisse, die sie kommuniziert, verloren haben. Ein Phänomen, das auch in der Corona-Krise sichtbar geworden ist. Ich hoffe, diesem Trend mit unserer Arbeit etwas entgegensetzen zu können.

 

 

Die im Beitrag geäußerten Ansichten geben die Meinung des Forschenden wieder und entsprechen nicht grundsätzlich der Meinung des TRR 266. Als Wissenschaftsverbund ist der TRR 266 sowohl der Meinungsfreiheit als auch der politischen Neutralität verpflichtet.  

Researcher of the Month July

Beteiligte Institutionen

Die Hauptstandorte vom TRR 266 sind die Universität Paderborn (Sprecherhochschule), die HU Berlin und die Universität Mannheim. Alle drei Standorte sind seit vielen Jahren Zentren für Rechnungswesen- und Steuerforschung. Hinzu kommen Wissenschaftler der LMU München, der Frankfurt School of Finance and Management, der WHU – Otto Beisheim School of Management, der ESMT Berlin, der Goethe-Universität Frankfurt und der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, die die gleiche Forschungsagenda verfolgen.