Juli 2021: Prof. Dr. Reeyarn Li

Reeyarn Li, Juniorprofessor für Accounting und Taxation an der Universität Mannheim, ist Projektleiter des Teilprojekts A03 „Determinants of Textual Transparency“. Zusammen mit dem TRR 266 Research Fellow Benedikt Franke (SKEMA), untersucht er, wie sich textuelle Angaben zur Finanzlage eines Unternehmens auf Transparenz auswirken – und wie diese Auswirkungen mit dem regulatorischen Umfeld variieren. Erfahren Sie mehr über seine Forschung und seine Ansichten:

 

Accounting: eine einzigartige Perspektive

Die Rechnungslegung begleitet mich bereits seit meiner frühesten Kindheit. Meine Mutter war Buchhalterin in meiner Heimatstadt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sie sich damals auf ihr Accounting-Examen vorbereitete und sich gleichzeitig um mich kümmerte. Das Lehrbuch in der einen, die Gutenachtgeschichte in der anderen Hand – wenn man so will. So wurde mein Interesse für die Rechnungslegung schon früh geweckt. Dieses Interesse, insbesondere an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Fachbereich, wuchs mit den Jahren. Die Accounting-Forschung ist ein unfassbar spannendes Feld. Sie ermöglicht uns einen einzigartigen Blick in Unternehmen und hilft uns zu verstehen, wie und warum Unternehmen erfolgreich werden und was sie scheitern lässt.

Die Entscheidung nach Deutschland zu gehen war unter anderem eine Entscheidung für die akademische Freiheit.

Für die akademische Freiheit

Seit 2016 bin ich Juniorprofessor an der Universität Mannheim. Die Entscheidung nach Deutschland zu gehen war unter anderem eine Entscheidung für die akademische Freiheit. Ich habe einige wirklich attraktive Stellenangebote erhalten – auch aus meinem Heimatland China. Unter anderem von einer Universität in Shanghai, mit einer tollen Forschungsumgebung und fachlichem Renommee. Hätte ich mich für Shanghai entschieden, hätte ich jedoch vermutlich mit einigen Einschränkungen leben müssen. Denn bei politisch sensiblen Themen nimmt die chinesische Regierung manchmal Einfluss darauf, was erforscht werden darf und was nicht – auch im Bereich Accounting. Wie vor einigen Jahren, als es in China zu Kurseinbrüchen kam. Die Regierung wertete den Börsencrash als von der Opposition bewusst herbeigeführt, um die Regierung herauszufordern. Somit wurde es über Nacht zu einem politischen Tabu, darüber zu diskutieren, ob und aus welchen Gründen Unternehmen derzeit finanzielle Probleme haben.

Der TRR 266 bietet eine tolle Forschungsumgebung, mit viel akademischer Freiheit und jeder Menge Enthusiasmus.

TRR 266: Grenzen überwinden

Meine Entscheidung für Mannheim war nicht nur eine Entscheidung für akademische Freiheit, sondern auch für akademische Exzellenz. Hier an der Uni und im TRR 266 kann ich mich mit erfahrenen und renommierten Professoren aus dem Bereich Taxation und Accounting austauschen. Ich genieße es, mit ihnen zusammenzuarbeiten und von ihnen zu lernen. Das Feedback, das ich erhalte, ist sehr wertvoll für meine Arbeit. Der TRR 266 bietet eine tolle Forschungsumgebung, mit viel akademischer Freiheit und jeder Menge Enthusiasmus. Dank des transregionalen Forschungsnetzwerks haben wir viel Gelegenheit, uns auch über die typischen Grenzen der Universitäten und Institutionen hinweg auszutauschen. Auf unseren Konferenzen, in unseren Workshops oder Seminaren. Mit Forschern aus Mannheim, Paderborn, Berlin, Frankfurt, München und Vallendar. Insbesondere für mich als Nachwuchsforscher ist das sehr hilfreich und eine wirklich gute Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen, Feedback zu erhalten und von anderen Projekten und Forschenden zu lernen. Und natürlich auch, um mehr Sichtbarkeit als Forscher zu erlangen. In ein oder zwei Jahren würde ich gerne zu neuen beruflichen Herausforderungen aufbrechen – um als Forscher weiter zu wachsen.

Transparenz ist ein zentrales Thema für mich.

Transparenzforschung: natürliche Skepsis

In China aufzuwachsen bedeutet auch mit einer Kultur des Verschweigens konfrontiert zu sein. Gute Nachrichten werden viel und gerne kommuniziert, Negatives wird häufig zurückgehalten. Dadurch habe ich eine natürliche Skepsis entwickelt. Einen Instinkt, veröffentlichte Informationen permanent zu hinterfragen – öffentliche Berichte abzuscannen: Ist das wahr? Ist das vertrauenswürdig? Auf die Qualität von Informationen lege ich also schon immer ein großes Augenmerk. Transparenz ist ein zentrales Thema für mich. Wegweisend für die Transparenzforschung, die ich derzeit betreibe, war einer meiner Professorinnen im Grundstudium an der Renmin-Universität in Peking, die sich intensiv mit Bilanzbetrug beschäftigt. Ihre Kurse waren sehr inspirierend und erhellend.

Wir entwickeln einen neuen Ansatz, der die Transparenz von textuellen finanziellen Offenlegungen messbar machen soll.

Accounting trifft Computerlinguistik

Die Qualität von Informationen steht auch in meinem TRR 266 Projekt A03 im Vordergrund. Wir versuchen zu verstehen, wie zuverlässig, präzise und valide Informationen in Finanzberichten wirklich sind. Immerhin sollen sie detaillierte Informationen liefern, die den Jahresabschluss ergänzen und erläutern. Nicht selten machen Stakeholder jedoch die Erfahrung, dass solche Finanzberichte zu lang oder zu schwer zu verstehen sind – oder dass sie trotz vieler Worte eigentlich kaum zuverlässige Informationen liefern. Wir entwickeln daher einen neuen Ansatz, der die Transparenz von textuellen finanziellen Offenlegungen messbar machen soll. Dafür nutzen wir neue Technologien aus der Computerlinguistik (bspw. maschinelles Lernen).

Aktuell verfolgen wir einen spezifischen Ansatz der Themenanalyse (Topic Modelling). Mit Hilfe der sogenannten LDA (Latent Dirichlet Allocation) entwickeln wir ein Messinstrument, mit dem wir herausfinden möchten, wie viele der in Finanzberichten offengelegten Risikofaktoren, tatsächlich relevant sind – also das Potenzial haben, im Laufe des laufenden Jahres einzutreten. Denn viel Information bedeutet nicht automatisch ein hohes Maß an Transparenz. So kann ein Unternehmen einen 3-seitigen Bericht mit Risikofaktoren veröffentlichen, von denen kein einziger der genannten in naher Zukunft eintritt. Demgegenüber wäre ein Einseiter, der zumindest einen Risikofaktor benennt, der im kommenden Jahr realisiert wird, wesentlich informativer und transparenter. Hierzu bereiten wir derzeit ein Working Paper vor.

Wir haben empirische Evidenz dafür, dass Unternehmen eher dazu verleitet werden, Fehler in ihrer Finanzberichterstattung zu machen, wenn sie nicht effektiv überwacht werden.

Rechtsprechung und Accounting

In unserem Projekt interessieren wir uns außerdem dafür, wie Politik und Rechnungslegung miteinander interagieren und einander beeinflussen. In einem aktuellen Working Paper untersuchen wir, wie nachsichtig die Rechtssysteme mit falschen Angaben in Finanzberichten umgehen – und welchen Einfluss das auf die Qualität der Rechnungslegung hat. Wir haben empirische Evidenz dafür, dass Unternehmen eher dazu verleitet werden, Fehler in ihrer Finanzberichterstattung zu machen, wenn sie nicht effektiv überwacht und Vergehen nicht strikt strafrechtlich verfolgt werden. In einer US-Studie beispielsweise vergleichen wir Unternehmen in Kalifornien und in Texas miteinander. Das kalifornische Bundesgerichtssystem setzt das Wertpapierrecht wesentlich strikter um als Texas – gleichzeitig stellen wir fest, dass die Qualität der Finanzberichterstattung in Kalifornien deutlich besser ist. Aus unserer Forschung können wir somit eine erste zentrale Botschaft für Regulierer und Gesetzgeber ableiten: Das, was ihr gesetzlich regelt, die Durchsetzung des bestehenden Rechts hat einen erheblichen Einfluss auf die Qualität der Rechnungslegung.

Ausdauer und Durchhaltevermöge ist eine der wichtigsten Tugenden für einen Forschenden.

Neugierig bleiben

Die Arbeit in den Projekten macht wirklich großen Spaß. Vor allem die Zusammenarbeit mit Benedikt Franke. Er ist ein großartiger Projektpartner. Insbesondere wenn es darum geht, neue Erkenntnisse einzubringen – und neue Energie. Das ist vor allem dann wichtig, wenn das Projekt mal ins Stocken gerät und man droht, die Zuversicht zu verlieren. Was hin und wieder vermutlich in jedem Forschungsprojekt vorkommt. Daher ist Ausdauer und Durchhaltevermöge eine der wichtigsten Tugenden für einen Forschenden. Denn bei der Accounting-Forschung sind plötzliche Durchbrüche in der Regel nicht zu erwarten. Vielmehr geht es darum, jeden Tag das Projekt ein Stückchen weiter voranzubringen, neue Testmethoden zu berücksichtigen, am Forschungsdesign zu feilen. Umso wichtiger ist es, auch diese kleinen Erfolge schätzen zu lernen, Freude an der eigenen Forschung zu haben und neugierig zu bleiben.

 

 

Die im Beitrag geäußerten Ansichten geben die Meinung des Forschenden wieder und entsprechen nicht grundsätzlich der Meinung des TRR 266. Als Wissenschaftsverbund ist der TRR 266 sowohl der Meinungsfreiheit als auch der politischen Neutralität verpflichtet.  

Researcher of the Month Mai

Beteiligte Institutionen

Die Hauptstandorte vom TRR 266 sind die Universität Paderborn (Sprecherhochschule), die HU Berlin und die Universität Mannheim. Alle drei Standorte sind seit vielen Jahren Zentren für Rechnungswesen- und Steuerforschung. Hinzu kommen Wissenschaftler der LMU München, der Frankfurt School of Finance and Management, der WHU – Otto Beisheim School of Management, der ESMT Berlin und der Goethe-Universität Frankfurt, die die gleiche Forschungsagenda verfolgen.