Mai 2021: Prof. Dr. Michael Ebert

Michael Ebert, Professor für Accounting an der Universität Paderborn, ist Projektleiter des TRR 266-Projekts A06 „Context-Based Disclosure Incentives“. Zusammen mit Dirk Simons untersucht er, wie kontextabhängige Anreize das Offenlegungsverhalten von Firmen beeinflussen – und wie sich die Offenlegung, die daraus resultiert, letztlich auf Transparenz und Stakeholder-Entscheidungen auswirkt.

 

Forschung: keine absoluten Wahrheiten

Ich kann mich noch gut an meine Ökonomie- und Accounting-Vorlesungen im Studium erinnern. Meine Dozenten damals haben wesentlich dazu beigetragen, dass ich mich für die Wissenschaft entschieden haben. Was mich besonders begeistert hat: In den Vorlesungen wurde immer betont, dass es bei Wissenschaft nicht um absolute Wahrheiten geht. Sondern darum, Hypothesen aufzustellen, sie zu überprüfen und notfalls wieder zu verwerfen, um sich Wahrheit anzunähern – wohlwissend, dass dies niemals vollständig gelingt. Denn selbst empirische Evidenz kann nie die Gültigkeit einer Hypothese beweisen, sondern sie nur widerlegen. Dabei handelt es sich um eine zentrale These des kritischen Rationalismus, den Karl Popper begründet hat. Ein Wissenschaftsverständnis, das mich stark geprägt hat und heute eine wichtige Basis für meine Forschung ist.

Ein Modell ist nichts anderes als der Versuch, eine Hypothese so logisch und gut strukturiert wie möglich aufzustellen.

Modelltheorie: Faszination an der Abstraktion

Dieses Wissenschaftsverständnis wird in meinen Augen gerade in der Modelltheorie besonders deutlich und für Rezipienten transparent. Denn ein Modell ist nichts anderes als der Versuch, eine Hypothese so logisch und gut strukturiert wie möglich aufzustellen. Es ist abhängig von den getroffenen Annahmen, den gewählten Methoden und den zugrundeliegenden Erkenntniszielen, über die sich natürlich auch immer streiten lässt. In modelltheoretischen Arbeiten ist jede einzelne Annahme für die Leser unmittelbar sichtbar. Ein Grund, warum ich mich auf modelltheoretische Forschung spezialisiert habe: Sie zwingt unheimlich zur Abstraktion. Es geht darum, Kernzusammenhänge herauszuarbeiten, sie zu beschreiben, sie von anderen Faktoren zu abstrahieren und für empirische Analysen greifbar zu machen. Eine anspruchsvolle Tätigkeit, die mir unglaublich viel Spaß bereitet.

Zusammen können wir ein übergeordnetes Thema von großer gesellschaftlicher Relevanz systematisch und aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln bearbeiten.

TRR 266: Forschung mit anderen Augen sehen

Was ich am TRR 266 so großartig finde, ist, dass ich mich dort auch mit Empirikern oder mit Forschenden aus der Besteuerung austauschen und gemeinsame Forschungsideen entwickeln kann. Der TRR 266 bringt Forschende an einen Tisch, die ohne ihn vermutlich nicht zusammengekommen wären – weil zum Beispiel die Begegnungsmöglichkeiten fehlen. Denn häufig besuchen Theoretiker und Empiriker nicht die gleichen Workshops und Konferenzen, ebenso wenig wie Steuerforscher und Accounting-Forscher. Der TRR 266 bringt sie zusammen. Auf diese Weise entstehen neue Ideen und ein tieferes Verständnis für das eigene Fach. Man sieht die eigene Arbeit durch die Augen anderer – und das viel direkter als über Zeitschriftenbeiträge oder Ähnliches. Zusammen können wir ein übergeordnetes Thema von großer gesellschaftlicher Relevanz systematisch und aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln bearbeiten. Wie wichtig das ist, sieht man derzeit an der Corona-Pandemie. Um Folgen abzuschätzen und über wirksame Maßnahmen zu entscheiden, reicht die epidemiologische Perspektive nicht aus. Auch Bildungsforscher, Soziologen und Forschende aus anderen Bereichen müssen herangezogen werden, um die Krise ganzheitlich zu bewältigen. Ähnlich – nur im kleineren Maßstab – verhält es sich auch mit der wirtschaftswissenschaftlichen Transparenzforschung, die wir im TRR 266 betreiben.

Transparenzforschung hilft uns unter anderem dabei, zu verstehen, wie wir Vertrauen beziehungsweise Sicherheit in vollständig anonymisierte Transaktionen bringen können.

Transparenzforschung: Vertrauen in anonymisierten Transaktionen

Transparenzforschung ist unter anderem deshalb so wichtig, weil sie uns dabei hilft, zu verstehen, wie wir mit der zunehmenden Anonymisierung von Transaktionen umgehen können. Mit der ersten Globalisierungswelle im 18. und 19. Jahrhundert hat dieser Prozess eingesetzt. Er hält bis heute an und hat stetig an Tempo zugelegt. Im Mittelalter haben die Menschen noch mit Leuten gehandelt, die sie persönlich kannten. Transaktionen wurden meist per Handschlag abgeschlossen – Vertrauen war dabei eine wichtige Basis. Heute handeln wir meist mit anonymen Geschäftspartnern am anderen Ende der Welt – zum Beispiel mit Amazon oder eBay. Diese Anonymität bringt viel Unsicherheit in Transaktionen. Daher müssen wir Mechanismen finden, mit dieser Unsicherheit umzugehen. Ein Mechanismus besteht beispielsweise darin, durch Informationen Transparenz zu schaffen, um negative Erfahrungen oder Ergebnisse auszuschließen. Für große Unternehmen ist es überlebenswichtig zu wissen: Mit wem handle ich da eigentlich? Und wie kann ich meine Rechte geltend machen? Transparenzforschung hilft uns unter anderem dabei, zu verstehen, wie wir Vertrauen beziehungsweise Sicherheit in vollständig anonymisierte Transaktionen bringen können.

In unserem  Forschungspapier […] untersuchen wir, wie Unternehmen durch die Offenlegung von Informationen dafür sorgen können, dass die Koordination von Stakeholdern funktioniert.

Optimale Offenlegungsentscheidungen für Koordinationsprobleme

In unserem TRR 266-Projekt A06 möchten wir bestimmte ökonomische Situationen modellieren – und daraus optimale Offenlegungsentscheidungen ableiten. Wir untersuchen beispielsweise, wie Unternehmen oder andere Organisationen ihre Offenlegungsregeln gestalten müssten, wenn ihre Hauptsorge in einer möglichen Fehlkoordination von Stakeholdern besteht. Ein zentrales Beispiel für solch eine Fehlkoordination finden wir etwa, wenn wir elf Jahre zurückblicken. In Folge der Finanzkrise sind auch solche Banken pleite gegangen, die eigentlich gesund waren. Grund dafür war, dass viele einzelne Kreditgeber – ohne sich explizit abzusprechen – ihr Geld gleichzeitig aus den Banken herausgezogen haben. Das war für jeden einzelnen Kreditgeber individuell rational. Es wäre aber für jeden besser gewesen, wenn alle ihr Geld bei der Bank gelassen hätten. In unserem  Forschungspapier „Information design in coordination games with risk dominant equilibrium selection“ untersuchen wir, wie Unternehmen durch die Offenlegung von Informationen dafür sorgen können, dass die Koordination von Stakeholdern funktioniert, also zu gewünschten Effekten führt. Wie also müssen Unternehmen die Informationen, die sie veröffentlichen, aufbereiten und verbreiten? Und welche Informationen sind überhaupt relevant?

Wir untersuchen derzeit, wie eine Offenlegung von Informationen über die Arbeit der NGO und den Stand der Finanzierung […] das Spenderverhalten beeinflusst.

Ein Modell für NGOs

Auf dieser Forschungsarbeit bauen wir nun auf und modellieren Koordinationsprobleme ganz konkret am Beispiel von NGOs, die um Spender konkurrieren. Menschen entscheiden sich für eine Spende unter anderem dann, wenn sie glauben, damit etwas bewegen zu können. Das hängt aber davon ab, wie viele Spenden insgesamt eingenommen werden. Denn die Höhe der Spendengelder entscheidet darüber, ob eine NGO Projekte realisieren und damit überhaupt etwas bewirken kann. Die potenziellen Spender können sich untereinander allerdings nicht absprechen. Sie müssen ihre Entscheidung auf das Bild stützen, dass sie sich selbst von der NGO und der Anzahl potenzieller Spender gemacht haben. Wir untersuchen derzeit, wie eine Offenlegung von Informationen über die Arbeit der NGO und den Stand der Finanzierung dieses Bild und somit das Spenderverhalten beeinflusst. Unser Ziel ist es, ein optimales Informationssystem für dieses spezielle Koordinationsproblem zu beschreiben. Derzeit sind wir dabei, eine empirische Grundlage für unser Modell zu erarbeiten. Wir sammeln unter anderem Daten, die uns zu verstehen helfen, welche Daten NGOs publizieren. Bis Ende des Jahres werden wir vermutlich eine hinreichend große Datenmenge haben, aus der wir wichtige Erkenntnisse für unser Modell ableiten können. Wir hoffen natürlich sehr darauf, dass andere Forschende das fertige Modell aufgreifen und empirisch damit arbeiten werden, um so letztlich konkrete Handlungsempfehlungen für die Praxis ableiten zu können.

 

Researcher of the Month April

Beteiligte Institutionen

Die Hauptstandorte vom TRR 266 sind die Universität Paderborn (Sprecherhochschule), die HU Berlin und die Universität Mannheim. Alle drei Standorte sind seit vielen Jahren Zentren für Rechnungswesen- und Steuerforschung. Hinzu kommen Wissenschaftler der LMU München, der Frankfurt School of Finance and Management, der WHU – Otto Beisheim School of Management, der ESMT Berlin und der Goethe-Universität Frankfurt, die die gleiche Forschungsagenda verfolgen.