Mai 2022: Prof. Dr. Jannis Bischof

Jannis Bischof, Professor am Lehrstuhl für ABWL und Unternehmensrechnung an der Universität Mannheim, leitet das Projekt A09 “Voluntary Disclosure“. Mit seinem Team untersucht er, wie Unternehmen durch freiwillige Risikoberichterstattung Transparenz schaffen und welche Rolle unternehmens- und managementspezifische Präferenzen dabei spielen. Außerdem ist er einer der wissenschaftlichen Projektleiter des German Business Panel, dem langfristigen Befragungspanel des TRR 266.

 

 

Antworten finden: Transparenz hat widersprüchliche Effekte

Zentral für meine Entscheidung für das Accounting waren Erfahrungen während des Studiums. Mir wurde zunehmend bewusst, dass in vielen Interaktionen auf Märkten Informationen und Informationsasymmetrien eine entscheidende Rolle spielen. Welche Auswirkungen diese Informationsasymmetrien auf Transaktionen haben und wie sie abgebaut werden können, hat mich schon damals interessiert – und letztlich zum Accounting geführt. Denn genau mit solchen Fragestellungen beschäftigt sich das Fach. Und das gilt noch mehr im Finanz- und Bankenbereich. Dort spielen Information und Transparenz eine besonders zentrale – und auch eine ambivalente Rolle. Ist es wirklich immer sinnvoll, dass Banken alle Informationen über ihre Risikopositionen offenlegen? Oder sorgt es in bestimmten Situationen auch für Unsicherheit am Markt? Fragen, auf die es keine offensichtlichen oder einfachen Antworten gibt. Denn in diesem Bereich wirken viele gegenläufige Effekte – und gerade das reizt mich an der Forschung.

Je passgenauer die Daten, desto besser eignen sich die Erkenntnisse, um einen gesellschaftlichen
Beitrag zu leisten.

Je passgenauer die Daten, desto relevanter der Beitrag

Für die Beantwortung dieser Fragen braucht es selbstverständlich geeignete empirische Daten. Ich persönlich schätze innovative Daten – Datensätze, die nicht ohne Weiteres aus kommerziellen Datenbanken abgerufen werden können, sondern an deren Generierung ich selbst mitwirke. Schließlich sollen sie möglichst genau zu meiner Forschungsfrage passen. Bei Daten, die aus einfach verfügbaren Quellen stammen, ist das nur sehr selten der Fall. Daher muss man mitunter bereit sein, einiges in die Datengewinnung zu investieren. Nicht nur finanziell. Innovative Daten zu generieren, kann sehr aufwändig und methodisch anspruchsvoll sein. Doch der Aufwand lohnt sich. Denn je passgenauer die Daten, desto besser eignen sich die Erkenntnisse, um einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, um etwas zu bewegen. Eine weitere wichtige Voraussetzung dafür ist natürlich eine sorgfältige Arbeit mit den Daten – streng zwischen zufälligen Zusammenhängen und kausalen Effekten zu unterscheiden. Die empirische Methodik hat sich in diesem Bereich sehr stark fortentwickelt. Dass der Wirtschaftsnobelpreis im letzten Jahr an Ökonometriker ging, die genau diesen Fortschritt entscheidend geprägt haben, verdeutlicht einmal mehr, welchen Stellenwert dieses Thema für uns Forschende haben sollte.

Selbstverständlich lassen wir auch die Öffentlichkeit an unseren Erkenntnissen und Daten teilhaben.

German Business Panel: der Blick ins Unternehmen

Mit dem German Business Panel (GBP) haben wir ein langfristiges Befragungspanel aufgebaut, das sich von vielen etablierten wirtschaftswissenschaftlichen Panels unterscheidet. Während diese Panels vor allem makroökonomische Wirkungen untersuchen, werfen wir einen Blick in die Unternehmen. Wir erheben Daten, die uns dabei helfen, zu verstehen, wie Manager in Unternehmen Entscheidungen treffen. Und inwiefern diese Entscheidungen mit den Kosten- und Anreizstrukturen eines Unternehmens, seinen Strategien und internen Prozessen zusammenhängen. Das ist extrem wichtig, um zum Beispiel zu verstehen, wie sich Staatshilfen und gesetzliche Regulierung auf unternehmerische Entscheidungen auswirken: Eine Frage, die auch gerade jetzt während der Coronapandemie sehr zentral ist – und mit der wir uns eingehend beschäftigt haben. Selbstverständlich lassen wir auch die Öffentlichkeit an unseren Erkenntnissen und Daten teilhaben. Wir veröffentlichen monatliche Ergebnisberichte und machen die anonymisierten Mikrodaten u.a. in Form von Public Use Files zugänglich. Panelteilnehmer erhalten zudem Zugang zu exklusiven Branchenreports. Außerdem berichten wir aktiv an Regierungsinstitutionen. Auf diese Weise hoffen wir, zu einer besseren Regulierung beizutragen. Davon profitieren letztlich Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen – und natürlich auch jedes einzelne Unternehmen.

Die Aktualität der Daten, bei gleichzeitig hohem Anspruch an deren wissenschaftliche Qualität, ist ein ganz besonderes Merkmal des German Business Panel.

Antworten auf aktuelle Fragen: Was bedeutet der Ukraine-Krieg für Unternehmen in Deutschland?

In unseren Monatsberichten beschäftigen wir uns regelmäßig mit ganz aktuellen Entwicklungen, zu denen wir gezielt Daten erheben. Seit Ende Februar untersuchen wir etwa, wie sich der Krieg in der Ukraine und die verhängten Wirtschaftssanktionen bereits jetzt auf Unternehmen in Deutschland auswirken. Viele Unternehmen sind durch die aktuellen Entwicklungen mit einer großen Unsicherheit konfrontiert. Entweder weil sie in Russland mit Produktions- oder Vertriebsstandorten vertreten sind – oder indirekt durch gestiegene Energiepreise oder Lieferkettenengpässe. Wir möchten verstehen, welche Auswirkungen diese Unsicherheit auf die Finanzdaten und das Entscheidungsverhalten von Managern hat. Um solche aktuellen und gesellschaftlich relevanten Fragen überhaupt adressieren zu können, haben wir mit dem Team des GBP innerhalb von wenigen Tagen direkt nach Kriegsbeginn unsere Interviewfragen aktualisiert und sind dann sehr zeitnah damit ins Feld gegangen – und sammeln seitdem täglich neue Daten hierzu. Diese Aktualität der Daten, bei gleichzeitig hohem Anspruch an deren wissenschaftliche Qualität, ist ein ganz besonderes Merkmal des German Business Panel.

Ziel unseres Projektes ist es, […] zu verstehen, wie interne Prozesse und Strukturen die bewusste Entscheidung von Unternehmen, Transparenz herzustellen, formen.

Freiwillige Offenlegung: die Blackbox öffnen

Auf lange Sicht möchten wir mit unseren Daten nicht nur aktuelle Befund liefern. Wir möchten als zentraler Datenlieferant für betriebswirtschaftliche Fragen zum Zusammenhang von Finanzdaten und unternehmensinternen Entscheidungen und Prozessen wahrgenommen werden. Künftig werden wir unsere Daten daher noch stärker für originär wissenschaftliche Zwecke nutzbar machen. Das gilt nicht nur für den TRR 266, sondern auch darüber hinaus. Je größer unser Datenfundus wird, desto mehr Möglichkeiten ergeben sich für hochrangige wissenschaftliche Untersuchungen. Für mein TRR 266-Projekt A09 sind die Daten des GBP von großer Bedeutung. In dem Projekt beschäftigen wir uns mit freiwilliger Offenlegung. Damit meine ich die bewusste Entscheidung von Unternehmen, Transparenz herzustellen – ohne dass es verbindliche Offenlegungsvorschriften von ihnen verlangen. Wir untersuchen, wie diese Entscheidung im Unternehmen zustande kommt. Das allerdings ist von außen nur sehr schwer zu beobachten. Ziel unseres Projektes ist es, diese Blackbox zu öffnen und zu verstehen, wie interne Prozesse und Strukturen diese Entscheidung formen. Dabei können uns die Daten des GBP maßgeblich helfen.

In einer aktuellen Publikation im Journal of Financial Economics zeigen wir, dass Banken sehr wenig Anreize haben, Risikopositionen freiwillig offenzulegen.

Freiwillige Offenlegung von Banken: gut durchdachte Regulierung ist entscheidend

In einer aktuellen Publikation im Journal of Financial Economics beschäftigen wir uns mit dem freiwilligen Offenlegungsverhalten von Banken – und der Frage: Wie erreichen wir Finanzstabilität? Und welche Rolle kann Transparenzregulierung dabei spielen? Wir zeigen, dass Banken sehr wenig Anreize haben, Risikopositionen freiwillig offenzulegen. Sie reagieren immer erst dann, wenn bereits Gerüchte auf dem Markt entstehen. Das führt bei Investoren zu immer größerer Unsicherheit und immer weniger Vertrauen in das Management der Banken. Am Beispiel der Investmentbank Bear Stearns zeigen wir etwa, dass ihr Zusammenbruch während der Finanzkrise 2008 Folge eines solchen Vertrauens- und Reputationsverlusts war, der vor allem darauf zurückgeht, dass vorwiegend intransparent und unvollständig berichtet wurde. Diesem Mangel an freiwilliger Offenlegung können wir nur durch eine gut gestaltete Regulierung begegnen. Die Studie zeigt, dass es dabei nicht nur wichtig ist, wirksame Regeln aufzustellen, sondern auch Institutionen mit ausreichend Ressourcen und Kompetenzen auszustatten, um diese Regeln durchzusetzen.

Unsere Erkenntnisse können Regulierungsbehörden, politischen Entscheidungsträgern und Aufsichtsbehörden bei der Bewältigung hoher NPL-Bestände künftig als Orientierungshilfe dienen.

Effiziente Rechtssysteme beschleunigen Abbau von notleidenden Krediten

Das ist auch eine wichtige Erkenntnis aus einer weiteren aktuellen Publikation.  Darin untersuchen wir die Entwicklung von notleidenden Krediten (NPLs) während und nach der Finanzkrise. Banken stufen Kredite als „notleidend“ ein, wenn ihre Kreditnehmer nicht mehr in der Lage sind, ihre vertraglichen Zahlungen zu leisten. Hohe NPL-Bestände wirken sich negativ auf die Stabilität der Banken, ihre Kreditvergabe und ihre Wirtschaftstätigkeit aus. Daher ist ein rascher Abbau der notleidenden Kredite insbesondere nach einem Wirtschaftsabschwung, wichtig, um zu starke Einschränkungen in der Kreditvergabe zu verhindern und die Stabilität der Banken zu erhalten. In unserer Studie zeigen wir, dass ein effizientes Rechtssystems die Abwicklung von NPLs in der Erholungsphase der globalen Finanzkrise beschleunigt. Diese Erkenntnisse können Regulierungsbehörden, politischen Entscheidungsträgern und Aufsichtsbehörden bei der Bewältigung hoher NPL-Bestände künftig als Orientierungshilfe dienen. Insbesondere angesichts des jüngsten Wirtschaftsabschwungs während der COVID-19-Pandemie, der wahrscheinlich zu einem weiteren Anstieg der NPL-Bestände von europäischen Banken führen wird, scheint das von besonderer Bedeutung zu sein.

Damit unsere Forschung einen gesellschaftlichen Wert entfalten kann, müssen wir sie so aufbereiten, dass sie für unterschiedliche Akteure sichtbar
und konsumierbar wird.

Forschungsergebnisse sichtbar machen

Beide Studien haben aus unserer Sicht große praktische und politische Relevanz. Daher haben wir uns dazu entschieden, die zentralen Erkenntnisse auch jeweils in einem Blogbeitrag zu veröffentlichen – über den The FinReg Blog der Duke Law School und den SAFE Finance Blog des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE. So werden die Erkenntnisse auch für Entscheider in der Politik und Regulierung besser zugänglich. Ich persönlich finde es sehr wichtig, dass wir unsere wissenschaftlichen Ergebnisse nicht nur in hochrangigen internationalen Journals veröffentlichen, die vor allem von einem wissenschaftlichen Publikum gelesen werden. Damit unsere Forschung einen gesellschaftlichen Wert entfalten kann, müssen wir sie so aufbereiten, dass sie für unterschiedliche Akteure sichtbar und konsumierbar wird. Aus diesem Grund freue ich mich auch sehr, Mitglied der Financial Instruments Working Group der EFRAG sein zu dürfen. Dort kann ich wissenschaftliche Erkenntnisse teilen, die Entscheidern dabei helfen, informierte Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig werden dort tagesaktuelle Themen diskutiert, die für Politiker und Standardsetzer hochrelevant sind – und mir wiederum dabei helfen, praxisrelevante Forschung zu betreiben.

Transparenz kann für die Stabilität des Finanzmarkts zwar sehr wichtig sein, geleichzeitig sind aber auch negative Effekte denkbar.

TRR 266 Forum: Transparenz und Finanzmarktstabilität

Ich freue mich schon sehr auf einen fruchtbaren Austausch mit Politikern, Unternehmensvertretern und Standardsetzern bei unserem TRR 266 Forum im Mai. Dort werde ich eine Paneldiskussion leiten, die sich ganz zentral mit der Frage beschäftigt: Wie können Rechnungslegung und Transparenz zur Finanzmarktstabilität beitragen? Eine Frage, die viel Diskussionsstoff bietet. So kann Transparenz für die Stabilität des Finanzmarkts zwar sehr wichtig sein, geleichzeitig sind aber auch negative Effekte denkbar. Denn je mehr Informationen dem Markt und damit auch nicht professionellen Marktteilnehmern zugänglich gemacht werden, desto höher ist die Gefahr von Überinterpretationen und Panikreaktionen. Ich freue mich sehr auf die unterschiedlichen Perspektiven und auf eine lebhafte Diskussion, die hoffentlich zu einem großen Erkenntnisgewinn auf allen Seiten führen.

 

 

*Die im Beitrag geäußerten Ansichten geben die Meinung des Forschenden wieder und entsprechen nicht grundsätzlich der Meinung des TRR 266. Als Wissenschaftsverbund ist der TRR 266 sowohl der Meinungsfreiheit als auch der politischen Neutralität verpflichtet.

**In diesem Beitrag wird ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit teilweise auf die geschlechtsspezifische Schreibweise verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

 

 

Jannis Bischof im Interview:

 

 

Researcher of the Month Februar

Beteiligte Institutionen

Die Hauptstandorte vom TRR 266 sind die Universität Paderborn (Sprecherhochschule), die HU Berlin und die Universität Mannheim. Alle drei Standorte sind seit vielen Jahren Zentren für Rechnungswesen- und Steuerforschung. Hinzu kommen Wissenschaftler der LMU München, der Frankfurt School of Finance and Management, der WHU – Otto Beisheim School of Management, der ESMT Berlin, der Goethe-Universität Frankfurt und der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, die die gleiche Forschungsagenda verfolgen.